Montag, 24 August 2020 – 20:08 Uhr

Gottes Seele verstehen: Der zornige Jesus (1/2)

Der zornige Jesus (1/2)

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Eine herzerwärmende Neudefinition. Von Kai Mester

»Warum toben die Völker und … die Könige der Erde … wider den HERRN und seinen Gesalbten? … Der im Himmel wohnt, lacht ihrer, und der HERR spottet ihrer. Einst wird er mit ihnen reden in seinem Zorn, und mit seinem Grimm wird er sie schrecken.« (Psalm 2,1-5)

Ist das unser Gott? Schadenfroh, sarkastisch, wutschnaubend und fuchsteufelswild? Kann ich mir vorstellen, für ihn zu kämpfen?

Der Messias als Ausgießung von Gottes Zorn

Der Psalmist fährt fort und beschreibt, wie Gottes Zorn tatsächlich aussieht: »Ich habe meinen König eingesetzt [wörtl. ausgegossen] auf meinem heiligen Berg Zion.« (Vers 6) Ein durchaus interessanter Zornesakt! Sehr überlegt, sehr ruhig und gelassen. Aber wohl doch von starken Gefühlen begleitet und mit einem atemberaubenden Ziel.

Wer ist denn dieser König? – Der Psalmist legt ihm folgende Worte in den Mund: »Kundtun will ich den Ratschluss des HERRN. Er hat zu mir gesagt: ›Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.‹« (Vers 7)

Dieser Psalm wurde in Israel als Lied bei der Thronbesteigung eines Königs gesungen. Doch der Apostel Paulus bezog ihn auf Jesus, den wahren Messiaskönig (Apostelgeschichte 13,33; Hebräer 1,5; 5,5). Denn kein König Israels hatte den Ratschluss des HERRN so kundgetan wie Jesus von Nazareth, der selbst erklärte: »Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart … habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.« (Johannes 17,5.26).

Jesus hat uns Gottes Wesen also aufgeschlossen wie kein anderer. Wenn man jedoch bedenkt, wie Jesus zum König gekrönt wurde: Ein Esel, Palmwedel, eine Dornenkrone. Was ist das für ein Zornesakt? Von Schadenfreude, Sarkasmus und Wut ist da doch keine Spur.

Gottesoffenbarung in Reinform

»Alles, was der Mensch über Gott wissen muss oder kann, ist im Leben und Charakter seines Sohnes offenbart.« (Ellen White, Testimonies 8, 286.1)

Eigenartig dieser Zorn – ein Zorn, bei dem Gott seine Liebe offenbart. Vielleicht doch gar nicht so abstoßend?

Paulus erklärt: »Gott, unser Heiland … will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.« (1. Timotheus 2,4) Ist sein Zorn etwa der Eifer, mit dem er danach strebt, mich zu retten?

»Wer kann vor seinem Zorn bestehen, und wer kann vor seinem Grimm bleiben? Sein Zorn brennt wie Feuer, und die Felsen zerspringen vor ihm. Der HERR ist gütig und eine Feste zur Zeit der Not und kennt, die auf ihn trauen.« (Nahum 1,6.7) Ist sein Zorn das, was mich frei macht von den Fesseln meiner Sklaverei? Schmilzt sein Zorn mein steinhartes Herz?

»Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine gewaltige Flamme.« (Hoheslied 8,6)

Wenn Jesu Leben wirklich eine vollständige Offenbarung von Gottes Charakter war, dann muss es auch eine vollständige Offenbarung seines Zorns gewesen sein. Dann gibt es eine gute Nachricht: Gottes Zorn ist anders, als wir es uns vorgestellt haben. Gottes Zorn ist nichts als Liebe.

Kein Gott mit zwei Gesichtern

Noch mal: »Alles, was der Mensch über Gott wissen muss oder kann, ist im Leben und Charakter seines Sohnes offenbart.« (Ellen White, Testimonies 8, 286.1)

Deshalb sagte Jesus: »Wer mich sieht, der sieht den Vater« (Johannes 14,9), »denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.« (Johannes 6,38) Und Paulus bestätigt: »Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens.« (Hebräer 1,3)

Unfassbar: Wer Jesu Zorn versteht, versteht auch den Zorn des Vaters. Der Messias ist der Ausdruck seines Zorns, der Bote seines Zorns, der Abglanz und das Ebenbild seines Zorns.

Oft denken wir, dass Jesus bei seinem ersten Kommen Gottes liebevolle und barmherzige Seite offenbarte. Erst bei seinem zweiten Kommen würde dann seine zornige, strafende Seite so richtig sichtbar. Kann es sein, dass wir uns getäuscht haben?

Das zornige Lamm

Und wieder: »Alles, was der Mensch über Gott wissen muss oder kann, ist im Leben und Charakter seines Sohnes offenbart.« (Ellen White, Testimonies 8, 286.1)

Dann will ich mal ins Leben Jesu schauen! Wo offenbart sich denn sein Zorn?

Die erste Tempelreinigung

»Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um und sprach zu denen, die die Tauben verkauften: Tragt das weg und macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus!« (Johannes 2,15-16)

»Langsam steigt er die Stufen hinab und hebt die Geißel, die er aus Stricken geflochten hat, als er den Hof betrat. Er bittet die Händler und Käufer das Tempelgelände zu verlassen. Mit einem Eifer und einer Strenge, die er nie zuvor gezeigt hat, wirft er die Tische der Geldwechsler um. Die Münze fällt und klingelt hell auf dem Marmorpflaster. Niemand wagt sich, seine Autorität in Frage zu stellen. Jesus schlägt sie nicht mit seiner Peitsche aus Schnüren. Aber in seiner Hand erscheint diese einfache Geißel wie ein schrecklich flammendes Schwert. Die Tempelbeamten, feilschende Priester, Makler und Viehhändler mit ihren Schafen und Ochsen eilen von dem Ort, getrieben von dem Gedanken, seiner Gegenwart zu entkommen.« (Desire of Ages, 158)

Jesus schreit nicht, er schlägt niemanden, sondern er beginnt sogar ein Gespräch mit den Drahtziehern dieser Tempelmisere, nachdem er symbolisch eine Geißel geschwungen, Geld verschüttet und Tische umgestoßen hat und sich die Priester vom ersten Schreck erholt haben (Vers 18).

»Durch die Reinigung des Tempels von weltlichen Käufern und Händlern kündigte Jesus seine Mission an, Herzen vom Sündenschmutz zu reinigen – von irdischen Wünschen, selbstsüchtigen Lüsten, bösen Gewohnheiten, die uns kaputt machen … Seine Gegenwart reinigt und heiligt die Seele, sodass sie ein heiliger Tempel für den HERRN sein kann und ›ein Bauwerk, in dem Gott durch seinen Geist wohnt.‹ (Epheser 2,21.22 NGÜ)« (Desire of Ages, 161)

Danach nahm sich Jesus der Armen an und heilte die Kranken. Sein Zorn galt ihnen. Er eiferte um sie – auch um mich? Für sie und ihre Heilung wollte er Platz schaffen. Das bekamen das Geld und die Tische zu spüren. Er räumte die Hindernisse aus dem Weg und gebot den Menschen, die die Hindernisse aufgebaut hatten, diese abzubauen. Auch diese Menschen liebt er mit demselben Eifer und Zorn. Auch sie will er retten. Ach, würden sie nur aufwachen!

Ungetrübter Blick auf den Vater

»Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.« (Johannes 3,17) »Ein Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und umzubringen. Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge.« (Johannes 10,10) »Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, auf dass die da nicht sehen, sehend werden, und die da sehen, blind werden.« (Johannes 9,39)

»Wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat. Ich bin als Licht in die Welt gekommen, auf dass, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. Und wer meine Worte hört und bewahrt sie nicht, den richte ich nicht; denn ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt richte, sondern dass ich die Welt rette. Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht an, der hat schon seinen Richter: Das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage.« (Johannes 12,45-48)

Wo Gottes Zorn sich noch im Leben Jesu offenbarte und wie Psalm 2 zu Ende geht, davon handelt Teil 2.

Fortsetzung folgt.


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