Freitag, 04 September 2020 – 08:02 Uhr

Gottes Seele verstehen: Der zornige Jesus (2/2)

Der zornige Jesus (2/2)

Bild von ATDSPHOTO auf Pixabay

Ein sicherer Zufluchtsort. Von Kai Mester

»Alles, was der Mensch über Gott wissen muss oder kann, ist im Leben und Charakter seines Sohnes offenbart.« (Ellen White, Testimonies 8, 286.1)

Im Licht dieser Aussage ist es erstaunlich, dass Jesus nie selbst das Gericht ausübte. Er stellt es vielmehr wie eine Gefahr von außen dar, vor der er mich eindringlich warnt, während er mich gleichzeitig intensiv einlädt in den wahren, absolut sicheren Zufluchtsort. Sein Zorn ist durch und durch Rettungsaktion.

»Zu dieser Zeit kamen einige Leute zu Jesus und berichteten ihm von den Galiläern, die Pilatus am Altar umbringen ließ und deren Blut sich auf diese Weise mit dem ihrer Opfertiere vermischte. Da sagte Jesus zu ihnen: »Meint ihr, diese Leute seien größere Sünder gewesen als alle übrigen Galiläer, weil so etwas Schreckliches mit ihnen geschehen ist? Nein, sage ich euch; wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle genauso umkommen. Oder denkt an jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms von Schiloach den Tod fanden. Meint ihr, ihre Schuld sei größer gewesen als die aller anderen Einwohner Jerusalems? Nein, sage ich euch; wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso umkommen.« (Lukas 13,1-5 NGÜ)

Nur Umkehr zu Gott kann Schutz bieten. In der Gottferne, wo Satan und seine Dämonen toben, droht schlimmste Gefahr.

Gott leidet im Gericht am meisten

Jesus sah das Gericht über Jerusalem voraus. Er sah voraus, dass dort, wo er gekreuzigt würde, einst so viele Kreuze stehen würden, dass man kaum dazwischen hindurchgehen konnte.

Ist da Schadenfreude über das Toben seiner Feinde? Sarkasmus und Spott über die Pläne, die sie gegen ihn schmieden? Nein: Gottes Lachen bezieht sich darauf, dass er den Sieg schon voraussieht. Es ist die Erleichterung darüber, dass das Universum doch nicht untergehen muss, dass viele Engel und Menschen gerettet werden können. Gottes Spott ist eine poetische Umschreibung dafür, dass der Gedanke, winzige Geschöpfe wie wir könnten seinen Thron stürzen, eigentlich völlig lächerlich ist.

Aber sein Herz ist schmerzerfüllt, weil er mit uns leidet. Das erkennen wir in Jesus, der auf dem Ölberg beim Gedanken an den Untergang Jerusalems weint:

»Jesus schaut auf die Stadt. Die riesige Menge verstummt, der sich öffnende wunderschöne Blick verzaubert sie. Dann richten sich alle Augen auf den Erlöser. Sie suchen dieselbe Bewunderung in seinem Angesicht. Stattdessen ist es von Trauer verfinstert. Überrascht und enttäuscht sehen sie, dass sich seine Augen mit Tränen füllen, er wird wie ein Baum vom Sturm geschüttelt, und seine zitternden Lippen stoßen einen Angstschrei aus, als bräche ihm das Herz.« (Desire of Ages, 575)

Ist Gottes Zorn so? Tiefe Sorge, brennender Eifer, seine Kinder vor dem Untergang zu bewahren und nicht ganz zu verlieren? Tiefer Schmerz und größtes Mitfühlen bis zur letzten Todesqual, wenn Rettung nicht möglich ist.

»Und als er nahe hinzukam und die Stadt sah, weinte er über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest an diesem Tag, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen. Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du besucht worden bist.« (Lukas 19,41-44)

»Jesus sah vom Ölberg aus die ganze Weltgeschichte; und seine Worte gelten jedem Menschen, der das Bitten der göttlichen Barmherzigkeit auf die leichte Schulter nimmt.« (Desire of Ages, 588)

Die zweite Tempelreinigung

Erneut betritt Jesus den Tempel. Wieder reinigt er ihn: »Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb hinaus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler« (Matthäus 21,12-13) »und ließ nicht zu, dass jemand etwas durch den Tempel trüge« (Markus 11,16).

Drei Jahre waren seit der ersten Tempelreinigung vergangen. Seither war Jesus viel bekannter. So brauchte er diesmal keine Geißel mehr in der Hand, um die volle Aufmerksamkeit zu erhalten.

»Wieder ließ Jesus seinen durchdringenden Blick über den entheiligten Tempelhof schweifen. Alle Augen richteten sich auf ihn. Priester und Machthaber, Pharisäer und Heiden schauten erstaunt und erschrocken auf denjenigen, der mit der Majestät eines himmlischen Königs vor ihnen stand. Göttlichkeit durchstrahlte sein Menschsein, sodass Jesus eine Würde und eine Ausstrahlung hatte wie nie zuvor. Die ihm am nächsten standen, zogen sich so weit zurück, wie es die Menge zuließ. Außer einigen Jüngern stand niemand mehr bei ihm. Man konnte eine Stecknadel fallen hören. Die tiefe Stille schien unerträglich. Dann sprach Jesus mit einer Kraft, die das Volk wie ein gewaltiger Sturm erschütterte: ›Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): Mein Haus soll ein Bethaus heißen; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.‹ Seine Stimme schallte wie eine Posaune durch den Tempel. Das Missfallen auf seinem Antlitz glich verzehrendem Feuer. Mit Vollmacht befahl er: ›Tragt das weg!‹« (Desire of Ages, 590)

Wie damals schlichen sich die Priester nach dem Abebben der ersten Panik später wieder zurück in den Tempel, um mit Jesus zu sprechen und Zeugen seine Heilungswunder zu werden. Viele Priester würden sich nach seiner Himmelfahrt und Pfingsten bekehren (Apostelgeschichte 6,7).

Gericht über Starke

In den folgenden Tagen war Jesus täglich im Tempel und wieder zum Gespräch mit den Priestern und Pharisäern bereit. Geduldig und weise antwortete er auf ihre Fangfragen, auch versuchte er sie durch Gleichnisse zu erreichen (Matthäus 21+22). Schließlich offenbarte er ihnen ihren Zustand unverblümt in einer Analyse ihres Glaubens (Matthäus 23). Diese Rede schloss mit einer Klage:

»Die Stimme erstickt von tiefer Herzenssorge und bitteren Tränen rief er aus: [›Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen? … Wahrlich, ich sage euch: Das alles wird über dieses Geschlecht kommen.] Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!?‹ (Matthäus 23,33-37)« (Desire of Ages, 620)

Noch in derselben Woche ließ er sich von diesen Menschen verurteilen und dem Kreuzestod ausliefern. Was ist das für ein Spott? Was ist das für ein Zorn?

Ist es eine Form von Spott, dass Jesus sich umbringen ließ und gerade durch diese scheinbare Niederlage mit all ihrer bitteren Grausamkeit doch Sünde und Tod besiegte? Ist es eine Form von Zorn, dass Jesus mich in einer Intensität liebt, die bereit ist, für mich in den Tod zu gehen und all das zu erdulden?

Gericht über Schwache

Auf dem Weg zum Kreuz sprach er zu den weinenden Frauen am Wegesrand: »›Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und über eure Kinder.‹ (Lukas 23,28) Jesus sah über diesen Moment hinaus in die Zeit der Zerstörung Jerusalems. Bei diesem schrecklichen Ereignis sollten viele von denen, die jetzt um ihn weinten, mit ihren Kindern umkommen. Was ist das für ein Spott und Zorn, der in der Lage ist, unter den eigenen Qualen noch Mitgefühl und Liebe für die Umstehenden zu haben?

Vom Fall Jerusalems gingen Jesu Gedanken weiter zu einem umfassenderen Gericht. Die Zerstörung der unbußfertigen Stadt stand für ihn nur stellvertretend für die letzte Zerstörung der ganzen Welt. Er sagte: ›Dann werden sie anfangen zu sagen zu den Bergen: Fallt über uns!, und zu den Hügeln: Bedeckt uns! Denn wenn man das tut am grünen Holz, was wird am dürren werden?‹ (Lukas 23,30.31) Der grüne Baum war ein Bild für Jesus, den unschuldigen Erlöser. Gott ließ seinen Zorn gegen die Übertretung auf seinen geliebten Sohn fallen. Jesus würde für die Sünden der Menschen gekreuzigt werden. Was für ein Leid würde erst den Sünder treffen, der in Sünde verharren würde? Alle Unbußfertigen und Ungläubigen würden eine Trauer und ein Elend erfahren, das sich nicht in Worte fassen lässt.« (Desire of Ages, 743)

Gottes Zorn ist anders

Jesus litt nichts, was nicht auch der Vater leidet. Sein Leiden offenbart uns vielmehr, was der Vater schon seit Aufkommen der Sünde zu ertragen hat. Gottes Zorn über die Sünde, sein Schmerz über das Ächzen und Stöhnen dieser Welt trifft Jesus und den Sünder nicht weniger als ihn selbst. Es ist das Zittern und Beben der Liebe, die Blutvergießen erträgt, um so viele zu retten wie irgend möglich. So hat sein Zorn nicht die Vernichtung des Sünders zum Ziel. Er versucht sie vielmehr bis zur letzten Sekunde mit allen heiligen und gewaltlosen Mitteln zu retten.

Vergebung für alle

So betete er am Kreuz: »Vater vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!« (Lukas 23,34)

»Dieses Gebet Jesu für seine Feinde umschloss die ganze Welt. Es galt jedem Sünder, der gelebt hatte oder leben sollte, vom Anfang der Welt bis zum Ende der Zeit. Auf allen ruht die Schuld, den Sohn Gottes gekreuzigt zu haben. Allen wird uneingeschränkte Vergebung angeboten. ›Wer da will‹ (Offenbarung 22,17), kann Frieden mit Gott haben und das ewige Leben ererben.« (Desire of Ages, 745)

Effizienter als Könige, meisterhafter als Töpfer

Damit wären wir wieder bei unserem Psalm, in dem Gott zu seinem Sohn sagt: »Bitte mich, so will ich dir Völker zum Erbe geben und der Welt Enden zum Eigentum. Du sollst sie mit einem eisernen Zepter zerschlagen, wie Töpfe sollst du sie zerschmeißen.« (Psalm 2,8-9)

Kein Zepter der Welt hat so viele Völker erobert wie das gewaltlose Zepter des Gotteslammes. Kein Zepter war so eisern und konsequent wie das seine, gerade deshalb, weil es eben nicht hart, sondern sanft war. Jesus hat als Töpfer so viele Menschen ins göttliche Ebenbild der Barmherzigkeit umgestaltet wie kein anderer. »Jeder, der auf diesen Stein fällt, wird zerschmettert werden; auf wen er aber fällt, den wird er zermalmen!« (Lukas 20,18)

Leben in Fülle oder ewiger Tod

»So seid nun verständig, ihr Könige, und lasst euch warnen, ihr Richter auf Erden! Dienet dem HERRN mit Furcht und freut euch mit Zittern.« (Psalm 2,10-11)

Wenn Gott mich mit solchem Eifer liebt, wie sollte er nicht meine ganze Aufmerksamkeit haben, wie sollte meine Hingabe zu ihm nicht so tief sein, dass sie nur mit dem Wort »Furcht« beschrieben werden kann? Wie sollte meine Freude nicht so intensiv sein, dass nur die Worte »Zittern« und »Beben« die Intensität zum Ausdruck bringen können?

»Küsst den Sohn, dass er nicht zürne und ihr umkommt auf dem Wege; denn sein Zorn wird bald entbrennen. Wohl allen, die auf ihn trauen!« (Psalm 2,12)

Wow! Zu welcher Anhänglichkeit und welchem Vertrauen sind wir hier eingeladen. Gott möchte verhindern, dass sein Zorn uns verzehrt, weil unser Herz verhärten, verbittern und sich dem göttlichen Leben verschließen könnte. Denn dann würden wir in der Gottferne vertrocknen, erstarren, verbrennen, vergehen als Fußnote in der Ewigkeit.


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