• Aus dem Leben eines modernen Missionars (Tawbuid-Projekt auf Mindoro – Teil 60): Die defekte Uhr

    Die defekte Uhr

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    Die Kraft eines Gleichnisses. Von John Holbrook

     
Montag, 29 September 2014 – 12:04 Uhr

Abenteuer mit Gott: El Sauce – das Waisenprojekt in Bolivien

El Sauce – das Waisenprojekt in Bolivien

Diesen Monat (Sep 2014) jährte sich unsere Ankunft in Bolivien zum dritten Mal. Ursprünglich wollten wir mindestens ein Jahr bleiben, höchstens drei. Dieser Artikel berichtet von den Fortschritten und Herausforderungen des Kinderdorfs in Samaipata. von Kai Mester

Als wir im September 2011 in Bolivien ankamen, waren im Waisenprojekt von Samaipata noch keine Kinder. Doch ein wunderschönes Gelände mit fünf Wohnhäusern und einer Schreinerei war vorbereitet, und unsere Landwirtschaft belieferte mindestens zweimal pro Woche Privatleute, Restaurants und Geschäfte mit biologischem Salat und Gemüse.

Wir reisten mit der ganzen Familie als Freiwillige ein und wollten das Waisenprojekt gerne in unserer Freizeit nach Kräften unterstützen. Wenn ich gerade nicht mit der Redaktion dieser Zeitschrift beschäftigt war, half ich anfangs in der Schreinerei mit.

Immer mehr neue Mitarbeiter und Kinder

Seit unserer Ankunft trafen dann nacheinander vier neue Mitarbeiterfamilien ein. Zwei davon haben als Waiseneltern die Leitung jeweils eines Waisenhauses übernommen. So haben wir in diesen beiden Häusern inzwischen 20 Sozialwaisen aufgenommen, die dort wie in einer richtigen Familie leben. Spannend war es für uns, die Geschichte dieser Kinder kennen zu lernen, und so machten meine Frau und ich uns daran, Steckbriefe zu erstellen und jeweils zwei Paten für jedes Kind zu suchen. Für über die Hälfte der Kinder sind wir auch schon fündig geworden.

Die Geschichte der Sozialwaisen

Praktisch alle unsere Kinder haben noch beide leiblichen Eltern. Die meisten sind Mädchen. Alleinstehende Mütter müssen arbeiten gehen, denn es gibt für sie keine staatliche Unterstützung, Meist wissen sie dann nicht wohin mit den Kindern, besonders wenn diese noch klein sind.

Oft sind es Verwandte, die einen Platz für die Kinder im Waisenhaus suchen, weil die Eltern nicht mehr zusammenleben und die Mutter Probleme mit Alkohol oder Drogen hat, kriminell ist oder im Gefängnis sitzt.

Andere Kinder wenden sich ans Jugendamt aufgrund sexueller Belästigung oder Missbrauch durch den Stiefvater oder ein anderes Familienmitglied. Wir haben drei junge Mütter im Waisenhaus, die im Alter von 12 bzw. 14 Jahren schwanger geworden sind und dann mit ihren Babys zu uns kamen.

Oftmals lassen Mütter ihre älteren Kinder einfach im Stich, weil ihr neuer Freund die Kinder vom Ex-Partner (geheiratet wird hier eher selten) nicht will. Manchmal duldet er ältere Töchter, aber eher als Dienstmädchen. Sie müssen dann die jüngeren Geschwister und den Haushalt versorgen, während die Eltern arbeiten, und können selbst nicht zur Schule gehen. Manche dieser Stiefkinder wenden sich dann verzweifelt selbst ans Jugendamt und bekommen einen Heimplatz vermittelt.

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Verschiedene Nationalitäten

Man kann sich vorstellen, welchen neuen und schwierigen Fragen vor allem die europäischen Mitarbeiter im Projekt hier immer wieder gegenüberstehen. Auf dem Gelände leben eine portugiesische, eine spanische und eine deutsche Familie mit zwei bolivianischen Familien zusammen. Wir, die zweite deutsche Familie, leben eine halbe Stunde vom Projekt entfernt im kleinen Bergstädtchen Samaipata.

Ein gutes Jahr nach unserer Ankunft übernahm meine Frau die Kasse und die Buchführung für den ganzen Betrieb, eine zeitaufwändige Arbeit. Und ich übernahm die Moderation der mal wöchentlichen, mal monatlichen Teamsitzungen sowie viele Schreibarbeiten. Gott hat uns zur rechten Zeit einen fähigen Administrator geschickt, Pedro Lopes aus Portugal, der nun für die Entwicklung des Projekts zuständig ist. Gemeinsam erleben wir immer wieder, wie Gott uns durch alle Herausforderungen hindurchführt.

Das Wunder der Vereinsgründung

Lange war es ein großes Anliegen, dass unser Projekt als gemeinnützige NGO (Nichtregierungsorganisation) registriert und anerkannt wird. Doch die von uns bezahlten Anwälte brachten einfach keine handfesten Ergebnisse. Schließlich kam die Lösung aus einer ganz anderen Ecke. Sonia, die Frau des Administrators traf einen Betrunkenen hier im Dorf, der sie um Hilfe bat. Er erhielt eine Arbeit in unserer Landwirtschaft und durfte ein Zimmer im noch leeren zweiten Waisenhaus bewohnen.

Durch ihn fand ein Freund, der ebenso mit Alkohol, aber auch mit Kokain Probleme hatte, seinen Weg zu uns. Er wollte abseits der Großstadt Santa Cruz innerlich zur Ruhe kommen, fern der ständigen Versuchungen. Der Rest des Teams war skeptisch ob der neuen Bewohner auf unserem Gelände. Eigentlich sollte unsere Arbeit ja den Kindern dienen. Brachten wir sie damit nicht in Gefahr?

Erst nach einiger Zeit erfuhren wir, dass dieser Freund Anwalt ist und Experte in Sachen Vereinsgründung. Aus Dankbarkeit für unsere Hilfe machte er für uns alle Anwaltsarbeiten umsonst und führte das Projekt zum ersehnten Ziel einer gemeinnützigen NGO, die eine kleine staatliche Unterstützung erhält.

Vitamin B

Durch unseren spanischen Waisenvater und seine kontaktfreudige Art haben wir inzwischen ein exzellentes Verhältnis zu vielen Behörden in Samaipata und Santa Cruz. Sogar ein Toyota 4Runner (Baujahr 2007) wurde uns von der Regierung zur Verfügung gestellt, den wir allerdings erst mal in der Werkstatt auf Vordermann bringen lassen mussten. Denn er war aus dem Drogenhandel konfisziert worden und schon länger außer Betrieb.

Öffentlichkeitsarbeit

Nach einigen Anfangsschwierigkeiten mit Namensfindung und Logo haben wir schließlich eine Facebook-Seite www.facebook.com/fundacion.el.sauce und eine www.fundacionelsauce.org, die vor allem von interessierten Leuten aus Santa Cruz aufgesucht wird. Unser alter Name SHILOH, war ein Akronym aus englischen Begriffen und für Bolivianer schwer auszusprechen und zu schreiben. So entschieden wir uns dann doch für den Namen, unter dem die Gegend, in der sich das Kinderdorf befindet, hier überall bekannt ist: El Sauce. Das bedeutet »der Weidenbaum«. Ausgesprochen wird es wie der Buchstabe L und Sauße, aber vorne mit scharfem S.

Arbeiterrechte und kulturelle Anpassung

Ein großes Projekt war von Anfang an, die Situation der bolivianischen Arbeiter in der Landwirtschaft zu verbessern. Wir zahlen jetzt also Weihnachtsgelder und Abfindungen und passen weiter die Bedingungen dem bolivianischen Arbeitsrecht an. In Teamsitzungen wird inzwischen nicht mehr Deutsch, Englisch und Spanisch geredet, sondern nur noch Spanisch, und bolivianische Mitarbeiter haben dieselbe Stimme am runden Tisch wie die Europäer.

Wirtschaftlichkeit

Das Kinderdorf wurde von dem Deutschschweizer Bertram Hipp gegründet, der mit seiner Familie in Portugal lebt. Er ist nun auch der Präsident der Organisation Fundación El Sauce und ist mehrmals im Jahr mehrere Wochen am Stück vor Ort. Aufgrund seines Immobilienverkaufs am Zürichsee konnte er viel Geld investieren und bis vor einiger Zeit die langsame Umstellung auf mehr Wirtschaftlichkeit mit begleiten. Doch schließlich wollte Gott, dass wir lernten, ohne diese Subventionen auszukommen, was den wichtigen Prozess hin zur Rationalisierung ungemein beschleunigte.

Statt zehn Arbeiter in der Landwirtschaft, haben wir heute nur noch vier. Für die Gemüseauslieferung nach Santa Cruz haben wir keinen Fahrer mehr, das macht unser bolivianischer Waisenvater José Mozombite.

Eine französische Familie von der Karibikinsel Martinique brachte uns kürzlich die Permakultur bei, um unsere Produktivität zu steigern, die unter ungewöhnlichen Witterungsbedingungen stark eingebrochen war. Qualität statt Quantität heißt nun die Devise, und wir liefern nur noch einmal wöchentlich Gemüse aus. Den Marktstand am Sonntag in Samaipata mussten wir vorübergehend einstellen. Aber jetzt geht alles langsam und solide wieder bergauf.

Kulturschock

Der klassische Kulturschock blieb bei uns Gott sei Dank zwar aus. Dennoch galt es so manches zu verkraften. Als wir in El Sauce noch keine Kinder aufgenommen hatten, halfen wir häufig im ­benachbarten ADRA-Kinderdorf CE­­RE­­NID mit und schlossen enge Freundschaft mit der spanischen Leiterin María José del Pino. Doch dann mussten wir miterleben, dass der ADRA-Leiter und die Kinderdorfleiterin kein Übereinkommen mehr erzielen konnten. Nur mit der Hilfe unseres oben erwähnten Anwalts konnten wir juristisch erwirken, dass die Kinder mit María José an einen neuen Ort umziehen durften, wo sie die Arbeit nun mit ihrer gemeinnützigen NGO namens SION fortsetzen kann.
Im Gemeindeleben sind wir aktiv in Sabbatschule, Kindersabbatschule, ich habe ab und zu die Predigt und wir begleiten vor allem das gemeinsame Singen mit den Instrumenten. Bei den missionarischen Aktivitäten haben wir uns anfangs stärker mit eingebracht, vor allem bei der Evangelisation mit Gerardo Nogales.

Doch das Schnellverfahren mit dem hier die Menschen ins Taufwasser gelangen, macht uns immer noch Mühe. Ein nicht unerheblicher Prozentsatz erscheint nach der Taufe gar nicht mehr in der Gemeinde. Die wenigsten bleiben und sind dann doch oft noch sehr unwissend in ganz grundlegenden Fragen des Christ- und Adventistseins. Andererseits sind auch die wenigen Säulen der Gemeinde und die tiefgeistlichen Geschwister, die wir hier kennen gelernt haben, auf diese Weise in die Gemeinde gekommen. So lernen wir, dass Gott toleranter ist als wir und dass wir von ihm lernen dürfen, wie man auf krummen Linien gerade schreibt.

In den vergangenen zwei Jahren hatten wir in El Sauce und in der Gemeinde mehrere Einbrüche und Diebstähle. Als sich nun herausstellte, dass sie von einer angesehenen »Glaubensschwester« mit professioneller Regelmäßigkeit verübt wurden, waren wir schockiert. Aber mit moralischen Enttäuschungen muss man wohl überall auf der Welt umgehen lernen.

Unser Auto

Eine weitere Herausforderung ist unser weißer Nisan Mini, der mit einem Motorrad und einem Traktor und nun dem neuen Toyota in unserer Zeit zu den wenigen Fahrzeugen des Projekts gehört. Dieser Transporter mit einer Rückbank dient zum Ausliefern des Gemüses in Santa Cruz (drei Stunden Fahrt eine Strecke) und für alle weiteren notwendigen Fahrten. Häufig fährt er zweimal am Sabbatmorgen um alle Projektbewohner zum Gottesdienst zu bringen, obwohl ein paar den Weg auch oft zu Fuß zurücklegen. Dieser Transporter hat bereits den zweiten Motor und ist gefühlt ständig in der Werkstatt, ein richtiger Geldfresser. Aufgrund der schlechten Straßenzustände löst sich auch die Karosserie langsam auf. Beim deutschen TÜV hätte das Fahrzeug schon längst keine Chance mehr.

Inzwischen fährt nur noch unser bolivianischer Waisenvater das Auto auf der Strecke nach Santa Cruz. Denn er hat immer Werkzeug dabei und weiß sich bei allen Pannen und Gefahren besser zu helfen als jeder Europäer. Das Improvisationstalent und das Gespür für Lösungen ist den Bolivianern fast angeboren. Dieses Auto hat sieben Leben. Schon mehrmals dachten wir: Jetzt ist es endgültig aus!

Nun, Gott kennt den Zeitplan und es hat einfach bis jetzt immer gepasst. Es ist und bleibt ein Abenteuer, mit Ihm zu leben und sich von Ihm führen zu lassen.

Feindliche Angriffe

Als besonderen Anschlag auf unsere Arbeit haben wir immer wieder die Gesundheitsprobleme unseres spanischen Waisenvaters Manuel Soutullo erlebt. Doch Gott verwandelt sie jedes Mal in einen Sieg. Die Spontanheilung von einem tödlichen Gehirntumor (die Ärzte hatten ihn schon aufgegeben) war damals der Auslöser dafür gewesen, dass er und seine Frau Mercedes die Entscheidung trafen, sich als Waiseneltern ganz in Gottes Dienst zu stellen und in unser Projekt zu kommen. Doch hier wurde er schon zweimal notfallmäßig wegen lebensbedrohlicher Magenblutungen ins Krankenhaus eingeliefert, und wir haben das Waisenhaus ein paar Wochen als Familie geführt, bis er mit seiner Frau aus Santa Cruz wieder heimkam. Das hat uns natürlich die Kinder näher gebracht und in manchem den Einblick erleichtert.

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Inspiration für junge Leute

Trotz aller oder vielleicht gerade wegen aller Herausforderungen ist dieses Projekt ein großer Segen für alle Beteiligten, auch für die Kinder der Mitarbeiterfamilien. Hier ist ein reiches Betätigungsfeld, viel Natur, ein multikulturelles Miteinander und adventistischer Glaube im Praxistest! Kindern aus schwierigen Verhältnissen zum Segen zu werden, ist auch für unsere Kinder ein Lehrstück. Viel Erziehungsarbeit erübrigt sich, weil der Anschauungsunterricht fast automatisch erfolgt – sowohl darin, wie man es nicht machen soll, als auch darin, was die Heilung im Leben des Sünders bringt.

Seit unserer Ankunft konnten wir drei junge Freiwillige (Sophia, Anne und Hannes) als Mentoren mit begleiten, zwei über viele Monate. Dann verbrachten Alberto Rosenthal mit seiner Frau Patricia und Schwager Benjamin ein paar Tage bei uns, bevor sie mit uns im Februar 2012 zum Campmeeting in Cochabamba weiterzogen, wo Alberto ein Seminar hielt. Auch die Familie Nebblett besuchte uns hier, gab im Februar 2013 ein Seminar auf dem Campmeeting, hielt Vorträge in drei verschiedenen Kinderdörfern und sammelte einiges an Erfahrung. Nancy Huber, eine Patenmutter mit ihrer Tochter Salome aus Kanada kam zum Schnuppern vorbei, und jedes Mal spüren wir die Inspiration, die von dieser Arbeit, aber auch von diesem Land mit allen seinen Herausforderungen und Schönheiten ausgeht.

Auf unsere regelmäßigen Bilder-Rundbriefe, die viele Freunde empfangen, unsere Facebook- und Blog-Einträge kommen immer wieder Feedbacks, die Dankbarkeit oder Freude darüber zum Ausdruck bringen, auf diese Weise Einblick in ein ganz fremdes Land und eine ganz andere Arbeit zu erhalten. Mehrere Ausflüge und Reisen, die wir mit unseren drei Kindern in Bolivien und nach Peru machen durften, taten ein Übriges dazu. Denn sowohl Natur als auch Geschichte sind hier atemberaubend.

Was bringt die Zukunft?

Mitte 2014 nun wurde unsere älteste Tochter mit ihrer Fernschule fertig. Nachdem sie hier viel Erfahrung im Leiten der Kindersabbatschule und im Betreuen der Sozialwaisen in El Sauce und in CERENID und SION gewonnen hat, wird sie wahrscheinlich ab Ende 2015 Grundschullehramt studieren, und wir werden ihr als Familie möglicherweise an den Ort ihres Studiums folgen. Deshalb kommen wir im April 2015 erst einmal nach Deutschland zurück. Da ist dann unsere Zeit hier in Bolivien erst einmal zu Ende.

Bis dahin ist es uns noch ein Anliegen, alle offenen Patenschaften zu vergeben, Nachfolger für die Buchhaltung und Schriftführung sind inzwischen gefunden, sodass wir in dem Bewusstsein gehen können, dass wir keine bleibende Lücke reißen. Die spannende Geschichte über Gottes eingreifen und die beiden Neuen können per E-Mail bei hoffnung weltweit angefordert werden.

Natürlich hat uns Gott schon häufiger überrascht, als die Wolke unserer Wüstenwanderung doch plötzlich eine andere Richtung genommen hat. Aber das ist so im Moment der Stand der Dinge. Mit El Sauce werden wir auf jeden Fall verbunden bleiben. Denn ein Stück unseres Herzens bleibt garantiert hier. So richtig Zuhause werden wir uns wohl erst wieder auf der Neuen Erde fühlen. Auf diesem Planeten sind wir nur Durchreisende.

Wer also gerne 30 € monatlich für ein Patenkind geben möchte, den Sauce einmalig unterstützen will oder gar mal eine Zeit dort mitarbeiten will (Grundkenntnisse in Spanisch notwendig), darf sich gerne mit uns in Verbindung setzen. hoffnung weltweit stellt als Partnerdienst deutsche Spendenbescheinigungen aus.

Die strahlenden Kindergesichter lassen erahnen, dass diese Arbeit viel Frucht für die Ewigkeit bringen wird.

KAI MESTER

www.facebook.com/fundacion.el.sauce


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