• Aus dem Leben eines modernen Missionars (Tawbuid-Projekt auf Mindoro – Teil 55): Den Staffelstab weitergeben

    Den Staffelstab weitergeben

    Adobe Stock - Gerhard Seybert

    Nach vielen Jahren zeigt sich Frucht. Von John Holbrook

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Mittwoch, 01 Oktober 2014 – 08:55 Uhr

Wenn ein Missionar am Boden zerstört ist Weiter so, mein Kämpfer!

Weiter so, mein Kämpfer!

Bild: Wikipedia

Wenn Krankheit, Ablehnung und mitleidiger Spott einen hartgesottenen Missionar in die Knie zwingt. Wenn Gottes Liebe stärker ist und er Wärme aus der Kälte seiner Brüder zapft, Mut aus ihrer Feigheit und Treue aus ihrem Verrat (5T 136). Von John Holbrook

Es rauscht in meinen Ohren wie die Niagarafälle. Tausende schwarzer Punkte überschwemmen mein Blickfeld. Ich beuge mich schnell vor, spanne den Bauch an, damit ich nicht ohnmächtig werde.

Der Abendbesucher, der mich kurz vorher angerufen hat, steht in der Tür meiner baufälligen Hütte und freut sich. »Ist da irgendwas auf dem Boden?«, fragt er mit einem Grinsen.

Mir ist nicht zum Lachen zumute. Nachdem ich um Mitternacht aufgestanden war, mich bis 2 Uhr morgens um einen Notfallpatient gekümmert hatte und danach den ganzen Tag einem ständigen Strom von Patienten mit dringenden Problemen auf meiner Veranda ausgesetzt war, ist aller Humor fast vollständig von mir gewichen.

Vorsichtig bahne ich mir den Weg über die morschen Stellen des Bodens zur Veranda und lehne mich gegen die Wand. Nach zwei Regenzeiten haben die Pfosten unter meinem Haus langsam nachgegeben. Das ganze Haus gleicht dem schiefen Turm von Pisa, sodass ich gebückt an der Wand stehe. Denn die Wand ist eine Schräge.

»Was kann ich für dich tun?«, frage ich leise.

»Kannst du mir Geld geben?«

»Nun, es ist so: Meine Kinder mögen das Essen nicht, das ich mitgebracht habe. Kannst du mir 500 Pesos leihen, damit ich ihnen was Leckeres kaufen kann?«

Ich setze mich und versuche meine Gedanken zu kontrollieren. Ich will sagen: »Wenn du mir für die drei letzten Male, wo ich dir Geld geliehen habe, das Geld zurückgeben würdest und mir das Grasdach lieferst, dass ich vor einem Monat bei dir gekauft habe, und wenn es nicht das fünfte Mal diese Woche wäre, dass du mich um Geld bittest, hätte ich vielleicht mehr Mitleid.« Stattdessen seufze ich und antwortet. »Tut mir leid. Ich hab im Moment einfach nicht genug Geld.«

»Aber meine Kinder weinen«, erwidert er. »Gib mir wenigstens 300!«

Tut mir leid

»Tut mir leid, es geht nicht«, stöhne ich. Ich bekomme einen Magenkrampf – ein Gefühl, das mir allzu vertraut ist seit den letzten paar Monaten. Aus Erfahrung weiß ich, dass mir höchstens noch eine Minute bleibt bis zur nächsten Toilette.

»Ach?«, der Mann schaut beleidigt. »Es geht nicht?« Er schaut an mir vorbei in die absackende Hütte. Eine einzige LED-Lampe habe ich provisorisch an einen kleinen Sonnenkollektor angeschlossen, der von einem Dachsparren baumelt. Ich höre fast seine Gedanken: Er hat kein Geld, aber elektrisches Licht. Ich nicht. Dabei ist es ihm egal, dass er gestern seine Sozialhilfe von 2000 Pesos in einem wilden Rausch in teuren Restaurants und für Spielzeuge und Handys ausgegeben hat. Ich habe eine Glühbirne, er nicht. Deshalb bin ich in dieser Kultur verpflichtet, ihm zu geben, worum er mich bittet.
»Bitte, wenigstens 100!«, versucht er es wieder gereizt.

Der Schmerz ist zu stark

Jetzt kann ich ihn schon kaum mehr hören. Der Schmerz in meinem Magen ist zu stark. »Tut mir leid!«, erwidere ich und beiße auf die Zähne. Ich bin nicht sicher, ob ich es bis zur Toilette schaffen werde.

Ohne ein weiteres Wort dreht sich der Mann auf dem Absatz um und verschwand – eine sehr unfeine Geste in dieser Kultur. Ich folge ihm von der Veranda und renne wie ein Verrückter zur Schlucht. Die einzige richtige Toilette im Dorf ist knapp 30 Meter entfernt und seit zwei Wochen nicht mehr gespült worden, weil das Dorf ohne Wasser ist. Das hat die Kinder allerdings nicht davon abgehalten, die WC-Schüssel überlaufen zu lassen.
Ich bin dankbar, dass es Nacht ist und ich mich ungesehen in der Schlucht neben dem Haus erleichtern kann, statt 400 Meter bis zum Waldrand rennen zu müssen. Es sieht so aus, als brauche ich noch eine Packung von dieser scheußlich bitteren Arznei, die gegen dieses besondere Magen-Darm-Problem verschrieben wird.

Ich muss dir was sagen

Eine halbe Stunde später begebe ich mich wieder nach Hause, bin weiß wie die Wand und am Zittern. Ein Gemeindeglied wartet auf mich. »Bruder«, spricht er mich gewichtig an, »Ich muss dir was sagen.«

»Nur zu!«, erwidere ich und rolle mich auf dem Boden ein, weil ich zum Sitzen zu schwach bin.

»Die ganze Gemeinde ärgert sich über dich. Warum hast du nur ­Ernie damit beauftragt das Holz zur Ausbesserung deines Hauses zu dir zu transportieren? Du hättest für jedes oder alle zwei Bretter einen anderen bezahlen können. Jetzt sind alle aufgebracht über­ Ernie und dich. Deshalb hat auch gestern Abend in der Gebetsstunde niemand mit dir geredet. Ich dachte, das solltest du wissen.«

»Danke«, flüstere ich.

So sind wir halt!

Da ist plötzlich Mitgefühl in seinen Augen. »So sind wir halt«, sagte er lachend. »Das ist auch ein Grund, warum alle vorigen Missionare entweder aufgegeben haben oder die Tawbuid nicht erreichen konnten. Ich hab dir ja von ihnen erzählt, nicht wahr? Hmm. Der eine ging, weil er ständig krank war. Der andere, weil er moralisch versagte. Einer ging einfach so – keiner weiß warum. Ein anderer hatte die Nase voll davon, dass die Leute ihn immerzu gebrauchten und ausnutzten. Er verfluchte uns alle und verschwand. Und sonst … der andere …«

»Ich weiß«, sage ich und hebe die Hand. »Ich erinnere mich genau an jeden einzelnen Missionar, der gegangen ist, und auch an seine Gründe. Vielen Dank!«

»Gut, Bruder«, sagt der Mann mit einem leicht besorgten Blick. »Du musst müde sein, ich lass dich schlafen. Gute Nacht!«

Die allgegenwärtigen Ameisen krabbeln um mein Gesicht herum und auf meiner Hose, aber ich fühle mich so elend, dass es mir egal ist. Plötzlich wird mir schlecht und ich muss mich übergeben.

Das ist doch lächerlich!

Das ist doch lächerlich!, denke ich mir. Was habe ich in den letzten zwei Jahren hier erreicht? Manchen habe ich das Leben mit meinen Medikamenten gerettet, doch wofür? Damit sie so weiterleben wie immer? Ich habe geholfen, den Frieden in der Adventgemeinde in diesem Dorf wiederherzustellen, sie zum Fundament, zu Jesus, zurückzubringen und ein Mis­sionsprogramm zu beginnen, aber sonst? Jedes Mal, wenn wir kurz vor dem Durchbruch stehen, bekommt der eine kalte Füße, der andere zieht sich zurück, weil ich ihm keinen Wasserbüffel schenke oder alle bleiben zu Hause, weil sie keine Lust haben aufzustehen. Seit den 50er Jahren versuchen Missionare die Hochland-Tawbuid zu erreichen. Wieso bilde ich mir ein, dass gerade ich Erfolg haben werde, wo sie versagt haben? Vielleicht sollte ich einfach das Handtuch werfen und woanders hingehen.

Tränen

Die Dunkelheit kriecht von allen Seiten heran. Eine Ameise beißt mich in die Wange und mir kommen die Tränen. Die Hochländer wollen mich hier nicht. Vom ersten Tag an taten sie, was sie konnten, um mich zu verjagen. An erfahrenen Missionaren habe ich gesehen, dass diese Krankheiten meine Gesundheit auf Dauer ruinieren werden, wenn man nicht verhindert, dass sie einen immer wieder erwischen. Ist es das wert? Warum mute ich mir das alles zu?

Gelübde

Doch tief in mir weiß ich die Antwort schon. Ich habe keinen Zeugen, nur die Engel und flüstere in die dunkle, modrige Nacht: »Ich habe ein Gelübde abgelegt. Der HERR hat mich unmissverständlich berufen, von meiner zehnten Klasse bis heute, für die Rettung der Tawbuid zu arbeiten. Ich habe gelobt, dass ich nicht nachlassen werde, ehe diese Arbeit getan ist oder der HERR sie mir nimmt. Die mir vorausgegangen sind, haben den Weg gewiesen, einen Weg des Blutes und der Schmerzen. Doch es ist der einzige Weg, auf dem die Tawbuid erreicht werden können, die Tawbuid, für die Jesus sein Blut und Leben gab. Das ist der wahre Grund, warum ich hier bin. Jesus hat mehr gelitten, als ich es je kann, um den Fluch wegzunehmen, den ich verdiene, um mir ein Leben ewigen Glücks zu schenken. Er, der mich so geliebt hat, sagt: »Nimm das Kreuz auf dich und folge mir nach.« (Markus 10,21) Noch einmal gelobe ich, niemals aufzugeben, niemals einen Rückzieher zu machen, solange du mir die Kraft zum Durchhalten schenkst.«

Ich spüre keine Welle des Friedens, keine schlagartige Befreiung. Der Schmerz, die Übelkeit sind da. Doch als das Flüstern meine Lippen verlässt, ist es mir, als höre ich eine sanfte Stimme: »Weiter so, mein Kämpfer. Weiter so!«

Aus: Adventist Frontiers, Mai 2014

Adventist Frontiers ist eine Publikation von Adventist Frontier Missions (AFM). AFM hat es sich zum Ziel gesetzt, einheimische Bewegungen ins Leben zu rufen, die Adventgemeinden in unerreichten Volksgruppen gründen.

JOHN HOLBROOK möchte das eingeborene Bergvolk der Tawbuid auf der philippinischen Insel Mindoro erreichen.

www.afmonline.org


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