Dienstag, 09 Juni 2020 – 10:49 Uhr

Israels Odyssee: Hin- und hergerissen zwischen Stadt und Land

Hin- und hergerissen zwischen Stadt und Land

Adobe Stock - K.-U. Häßle

Auf der Suche nach Freiheit. Von Kai Mester

Nach dem Auszug aus der Stadt spielt plötzlich die Natur wieder eine größere Rolle. Zelte, Berge und Bäume statt Häuser, Pyramiden und Türme. Die Tier- und Pflanzenwelt wird bewusster wahrgenommen. Die künstliche Welt lenkt nicht mehr ab, ein naturverbundeneres Leben ist möglich.

Im Einklang mit der Natur

Einige Wochen nachdem die Israeliten aus Ägypten ausgezogen waren, schlugen sie ihr Zeltlager am Fuß des Horeb auf. Dort erhielten sie einen Festkalender, der sich am Jahreszyklus der Natur orientierte. Das Passahfest im Frühling richtete sich nach dem Reifestadium der Gerste. Beim Laubhüttenfest im Herbst essen und übernachten viele Juden sogar noch bis heute eine Woche lang in einer mit Ästen, Stroh und Laub gedeckten Hütte.

Von Bergen und Bäumen

Nicht nur der Berg Horeb, auch andere Berge spielten nach dem Auszug aus Ägypten eine Rolle: Der Hohe Priester Aaron starb auf dem Berg Hor (4. Mose 20,27.28), sein Bruder Mose, der das Volk aus Ägypten geführt hatte, auf dem Berg Nebo (5. Mose 34,1-5). Sein Nachfolger Josua baute einen Altar auf dem Berg Ebal (Josua 8,20). Die Richterin Debora hatte ihren Sitz im Gebirge Ephraims unter einer Palme (Richter 4,5) und König Saul hielt Gericht unter einem Tamariskenbaum (1. Samuel 22,6).

Auf den Bergen und unter Bäumen hatte sich aber schon bald auch der Götzendienst mit seinen ekstatischen Praktiken eingeschlichen. Mit dem Götzendienst kamen raubende Horden. Das führte zu Kriegen mit den Nachbarvölkern. Deshalb sehnten die Israeliten sich nach einer Zentralregierung unter einem König, der dann gezielt gegen sie vorgehen konnte.

Zurück in die Sklaverei im eigenen Land

König Saul war der erste König, ihm folgte König David. Er schlug seinen Sitz schließlich in Jerusalem auf, das er von den Jebusitern eroberte. Damit spielt zum ersten Mal in der Geschichte Israels »die Stadt« eine herausragende Rolle: Jerusalem, die Stadt auf dem Berg. Hier wurde die heilige Bundeslade hergeholt, der Tempel gebaut. Stadtmauern sollten vor Feinden schützen. Leider funktionierte das nur vierhundert Jahre. Danach wurde Jerusalem vom babylonischen König Nebukadnezar zerstört.

Die Entscheidung für die Monarchie hatte den Israeliten wieder die Wehrpflicht, die Steuerpflicht und sogar die Fronpflicht beschert (1. Samuel 8,11-17; 1. Könige 5,27-32). Die städtische Kultur mit all ihrer Gewalt und Hierarchie hatte Israel wieder fest im Griff und auch vor dem Götzendienst blieben sie nicht geschützt. Die Könige selbst führten ihn aus den Nachbarländern ein.

Der Prophet Elia

Noch bevor Israel von seinen Feinden erobert wurde, warnte der Prophet Elia die Menschen vor den Folgen des Götzendienstes. Sein Leben spielte sich zwischen Bächen (Krit, Kischon) und Bergen ab (Karmel, Horeb). Seinen Nachfolger berief er, als dieser gerade auf dem Acker pflügte. Dem König überbrachte er eine Botschaft im Weinberg. Weite Strecken legte er zu Fuß zurück, bis ihn laut biblischem Bericht mitten in der Natur ein feuriger Wagen aufnahm und im Sturmwind entrückte (1. Könige 17 – 2. Könige 2). Auf diese Weise lebte er dem Volk Naturverbundenheit und Landleben vor.

Zurück in die Sklaverei in der Fremde

Die meisten Israeliten wurden schließlich nach Assyrien und Babylon umgesiedelt, während ein Teil doch tatsächlich in Ägypten Zuflucht suchte, dem Land, in dem sie einst Sklaven gewesen waren (Jeremia 42–44). So schloss sich der Kreis und die Freiheit war vorerst ganz zu Ende.

Zieht aus von Babel!

Doch Gott hatte sein Volk nicht aufgegeben. Er unternahm einen zweiten Anlauf. Durch seine Propheten ließ er verkünden: »Zieht aus von Babel!« (Jesaja 48,20) »Flieht hinaus aus Babels Mitte!« (Jeremia 50,8) »Wehe! Wehe! Flieht aus dem Land des Nordens!« (Sacharja 2,3 Elberfelder) Der Exodus aus Ägypten wurde zum großen Vorbild für den neuen Exodus: »Sie litten keinen Durst, als er sie durch die Wüsten führte, Wasser ließ er ihnen aus dem Felsen rinnen.« (Jesaja 48,21)

Doch warum sollten sie die damalige Weltmetropole verlassen?

»Flieht hinaus aus Babel und rettet jeder seine Seele, damit ihr nicht umkommt in seiner Missetat!« (Jeremia 51,6) »Geht hinaus aus seiner Mitte, mein Volk, und jeder rette seine Seele vor dem grimmigen Zorn des HERRN!« (51,45) (Gottes Zorn ist in der Bibel ein Bild für das, was passiert, wenn Gott seine schützende Gegenwart zurückzieht.) »Wegen des Zornes des HERRN wird sie unbewohnt bleiben und gänzlich verwüstet werden; wer an Babel vorübergeht, wird sich entsetzen und zischen wegen all ihrer Plagen.« (50,13)

Unmoral, Kriminalität, Terroranschläge, Seuchen und Katastrophen – das sind die Gefahren die auch heute besonders in den Städten lauern oder dort ihre schlimmsten Auswirkungen haben.

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