• Luther vor dem Reichstag (Reformationsserie 12): Die Welt hielt den Atem an

    Die Welt hielt den Atem an

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    Sich von Gott geführt wissen, macht den Unterschied. Von Ellen White

Montag, 30 März 2020 – 09:12 Uhr

Luther vor dem Reichstag (Reformationsserie 12): Die Welt hielt den Atem an

Die Welt hielt den Atem an

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Sich von Gott geführt wissen, macht den Unterschied. Von Ellen White

Am Tag nach seiner Ankunft in Worms wurde Luther für den Nachmittag vor den Kaiser und die Mitglieder des Reichstags geladen. Diesen Tag hatte er schon lange herbeigesehnt; aber aus menschlicher Sicht drohte ihm große Gefahr.

An diesem Tag kam ein Brief von einem mutigen Ritter, der den Reformator mit den Worten eines alten Propheten inspirierte: »Der HERR erhöre dich in der Not, der Name des Gottes Jakobs schütze dich! Er sende dir Hilfe vom Heiligtum und stärke dich aus Zion! Er gebe dir, was dein Herz begehrt, und erfülle alles, was du dir vornimmst!« (Psalm 20,2.3.5)

Er fügte hinzu: »Geliebter Luther, mein verehrter Vater! Fürchte dich nicht und bleib standhaft. Der Gottlosen Rat wartet deiner. Wie brüllende Löwen reißen sie ihr Maul auf gegen dich. Doch der HERR wird gegen sie aufstehen und sie in die Flucht schlagen. Kämpfe also tapfer Jesu Schlachten. Auch ich werde tapfer kämpfen. Ich wünschte bei Gott ihre Miene zu sehen. Aber der HERR wird seinen Weinberg säubern … Möge Jesus dich bewahren!«

Zur festgesetzten Stunde erschien ein Herold, der Luther zum Reichstag führte. Die Straßen waren zu überfüllt. Es war kein Durchkommen. Nur durch Hinterhöfe und Gärten erreichten der Reformator und seine Begleiter das Versammlungsgebäude. Auf Dächern und Bürgersteige, oben, unten, auf jeder Seite standen Schaulustige. Die Menge vor dem Gebäude war so groß, dass die Soldaten den Weg bahnen mussten. Die Außenanlage war voller Menschen. Mehr als fünftausend Zuschauer, deutsche, spanische und italienische, drängten sich in der Vorhalle und in den Seitengängen.

Als Luther sich der Tür zum Audienzsaal näherte, wo er vor seine Richter treten sollte, legte ihm ein alter General, ein Held vieler Schlachten, die Hand auf die Schulter, schüttelte den Kopf und sagte freundlich: »Armer Mönch, vor dir liegt ein Marsch und ein Kampf, wie weder ich noch viele andere Generäle ihn in unseren blutigsten Schlachten je gesehen haben. Doch wenn du dir deiner Sache sicher bist, dann geh in Gottes Namen voran und fürchte nichts! Er lässt dich nicht im Stich.«

Die Türen öffnen sich, und Luther tritt ein. Noch nie ist ein Mann vor einer so gewaltigen Versammlung erschienen. Ein Kaiser, dessen Reich sich über beide Halbkugeln erstreckte; sein Bruder, der Erzherzog; die Kurfürsten des Reiches, deren Nachfolger größtenteils Monarchen waren; Herzöge, darunter die erbitterten und erbitterten Feinde der Reformation, der Herzog von Alva und seine Söhne; Erzbischöfe, Bischöfe und Prälaten; die Botschafter fremder Nationen; Fürsten, Grafen und Barone; und die Botschafter des Papstes – insgesamt zweihundert Personen. Das waren die Richter, vor denen sich Martin Luther für seinen Glauben verantworten sollte.

Schon allein, dass Luther vor diesem fürstlichen Rat erschien, war ein entscheidender Sieg für die Wahrheit. Dass ein vom Papst Verurteilter, vor ein anderes Tribunal gestellt wurde, glich einer Leugnung der höchsten Autorität des Papstes. Dem vom Papst gebannten und aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossenen Reformator wurde von den höchsten Würdenträgern der Nation Schutz und Anhörung gewährt. Der Papst hatte ihm befohlen, zu schweigen; doch nun er sollte vor Tausenden aus allen Teilen der Christenheit sprechen.

Diese mächtige und hochrangige Versammlung schien den Reformator aus einfachem Hause zu überwältigen und einzuschüchtern. Dies merkten einige Fürsten in seiner Nähe. Freundlich kamen sie auf ihn zu, und einer flüsterte: »Fürchtet nicht die, die den Leib, aber nicht die Seele töten können.« Ein anderer sagte: »Bringen sie euch vor Könige, wird euch der Geist eures Vaters eingeben, was ihr sagen sollt.« So stärkten die Großen der Erde den Reformator in seiner Prüfungsstunde mit Jesu Worten.

Luther wurde direkt vor den Kaiserthron geführt. Alle Augen waren auf den gerichtet, der es mit Feder und Stimme gewagt hatte, der Autorität des Papstes zu trotzen. Eine tiefe Stille legte sich auf die überfüllte Versammlung. Dann erhob sich ein Reichsbeamter und sprach mit klarer Stimme zum Reformator:

»Martin Luther, seine heilige und unbesiegbare Majestät hat dich auf Anraten des heiligen Römischen Reiches vorgeladen, um dir zwei Fragen zu stellen: Erstens: Bist du der Autor dieser Schriften?« Dabei zeigte der Redner auf etwa zwanzig Bände, die auf einem Tisch mitten im Saal, direkt vor Luther, aufgestellt waren. »Zweitens: Bist du bereit, diese Werke und die darin enthaltenen Behauptungen zu widerrufen, oder beharrst du auf dem, was darin geschrieben steht?«

Nach Verlesung der Buchtitel antwortete Luther. »Gnädigster Kaiser, Fürsten und Herren! Seine kaiserliche Majestät stellt mir zwei Fragen. Zur ersten: Die soeben genannten Bücher sind unleugbar von mir verfasst. Zur zweiten: Ob ich zu allen stehe oder sie widerrufen möchte? Da handelt es sich um eine Glaubensfrage, bei der es um mein eigenes Heil und Gottes Wort geht, das den größten Schatz im Himmel und auf Erden darstellt und jederzeit unsere höchste Ehrfurcht verdient. So wäre es unüberlegt und gefährlich, eine unbedachte und unreflektierte Antwort zu geben. Ich könnte entweder mehr oder weniger bejahen, als mit der Wahrheit vereinbar ist; in jedem Fall würde ich unter das Urteil Christi fallen: ›Wer mich vor den Menschen verleugnet, den werde ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.‹ Deshalb bitte ich Eure kaiserliche Majestät um Zeit zum Nachdenken, damit ich die Frage beantworten kann, ohne Gottes Wort oder mein eigenes Heil zu gefährden.«

Diese Bitte Luthers war weise. Er bewies der Versammlung, dass ihn nicht Leidenschaft oder Spontaneität trieben. Erstaunlich, dass der sonst so kompromisslose Held so ruhig und selbstbeherrscht war. Das machte ihn umso überzeugender. Er würde besonnen, entschieden, weise und würdevoll antworten, seine Gegner überraschen und enttäuschen sowie ihre Anmaßung und ihren Stolz bloßstellen.

Die einzelnen Abteilungen des Reichstags zogen sich zur Beratung zurück. Als sie wieder zusammentraten, gaben sie dem Antrag des Reformators statt, allerdings unter der Bedingung, seine Antwort erfolge mündlich und nicht schriftlich.

Als man Luther zu seiner Unterkunft brachte, ging in der Stadt das Gerücht um, der Papst habe triumphiert und der Reformator komme auf den Scheiterhaufen. Auf seinem Weg durch die überfüllten Straßen begegneten ihm sowohl Drohungen als auch Respekt und Sympathie. Viele besuchten ihn in seiner Unterkunft und wollten mit ihrem Leben für ihn eintreten. Inmitten der Aufregung blieb nur der Reformator ruhig. Ein Brief, den er zu dieser Zeit schrieb, offenbart seine Gefühle:

»Soeben bin ich vor dem Kaiser und seinem Bruder Ferdinand erschienen und wurde gefragt, ob ich meine Schriften widerrufe. Ich antwortete: ›Die mir vorgelegten Bücher stammen von mir; zu einem möglichen Widerruf aber möchte ich morgen sprechen.‹ Das ist alles, worum ich bat, und alles, was sie gewähren. Doch wenn Christus mir gnädig ist, widerrufe ich kein einziges Strichlein.«

Am nächsten Tag sollte er dem Reichstag seine zweite Antwort geben. Manchmal sank ihm der Mut, wenn er an die Mächte dachte, die sich gegen die Wahrheit verbündet hatten. Sein Glaube schwankte, weil seine Feinde zu zahlreich, die finsteren Mächte zu stark schienen. In seelischer Angst warf er sich mit dem Gesicht zu Boden und schrie herzzerreißend zu Gott. In seiner Hilflosigkeit klammerte er sich an Jesus, den mächtigen Befreier. Nicht aus Angst um sich, sondern um den Erfolg der Wahrheit rang er inniglich mit Gott – und siegte. Ihm wurde zugesichert, dass er nicht allein vor dem Rat erscheinen müsse. Friede kehrte in sein Herz zurück, und er freute sich, dass er Gottes Wort vor den Herrschern der Nation hochhalten und verteidigen durfte.

Als die Stunde näher rückte, trat er an einen Tisch, auf dem die Heilige Schrift lag, legte seine linke Hand auf den heiligen Band und hob seine rechte zum Himmel. Er gelobte, sich unbeirrt ans Evangelium zu halten und seinen Glauben frei zu bekennen, auch wenn er sein Zeugnis mit seinem Blut besiegeln müsse.

Aus Signs of the Times, 23. August 1883


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