Mittwoch, 18 September 2019 – 11:55 Uhr

Aleanders Rede gegen Luther (Reformationsserie Teil 10): Ein Eigentor gegen die Wahrheit

Ein Eigentor gegen die Wahrheit

Nibelungenbrücke Worms :: Adobe Stock - Marc Braner

Wenn Argumente das Gegenteil bewirken. Von Ellen White

[Diese Fortsetzung beginnt im Jahr 1521 auf dem Reichstag zu Worms.]

Mit doppeltem Nachdruck verlangte Aleander nun vom Kaiser, die Papsterlasse auszuführen. Seine Aufdringlichkeit hatte Erfolg. Karl bat den Gesandten schließlich, die Sache dem Reichstag vorzutragen. Genau das hatte sich Aleander heimlich gewünscht. Mit großer Sorgfalt bereitete er sich auf diese Augusttagung vor. Nur wenige Anwälte Roms hätten von ihrer Begabung und Bildung her Rom besser verteidigen können. Aleander war nicht nur der Vertreter des päpstlichen Herrschers – mit aller äußeren Würde ausgestattet, die seiner erhabenen Position entsprach –, sondern auch einer der beredtesten Männer seiner Zeit. Dem Ergebnis seiner Rede sahen die Freunde des Reformators mit einiger Sorge entgegen. Der Kurfürst selbst erschien zwar nicht zur Versammlung, schickte aber einige seiner Berater, damit sie die Rede des Gesandten mitschrieben.

Es verursachte gehörig Aufsehen, als Aleander mit großer Würde und Pomp vor dem Reichstag erschien. Viele dachten an den Moment im Schauprozess gegen Jesus Christus, als Hannas und Kaiphas im Gerichtssaal des Pilatus den Tod desjenigen forderten, der »die Nation verderbt«.

Die Rede beginnt

Mit seiner ganzen Bildung und Eloquenz setzte sich Aleander dafür ein, die Wahrheit zu Fall zu bringen. Anklage nach Anklage brachte er gegen Luther vor: Er sei ein Feind von Kirche und Staat, Lebenden und Toten, Geistlichen und Laien, christlichen Gremien und Privatleuten. »Es gibt Menschen, die behaupten«, sagte er, »Luther wäre ein frommer Mann. Ich möchte seinen Charakter auch gar nicht erst anzweifeln, erinnere aber daran, dass der Teufel darin geübt ist, Menschen mit dem Deckmantel der Heiligkeit zu täuschen.«

Etwas später griff er jedoch den Reformator an und betitelte ihn mit den schlimmsten Schimpfwörtern. Dann wandte er sich an den Kaiser und rief ihn feierlich auf, dem Mönch von Wittenberg seinen Schutz zu entziehen: »Ich bitte Eure kaiserliche Majestät, keine Schande über Euren Namen zu bringen. Mischt euch nicht in etwas ein, in das Nichtkleriker sich nicht einmischen dürfen. Erfüllt die Pflicht, die Euch ordnungsgemäß obliegt. Lasst Luthers Lehren kraft eurer Autorität im ganzen Reich verbieten; überantwortet seine Schriften überall den Flammen. Scheut Euch nicht davor, Gerechtigkeit zu üben. Es gibt genug in Luthers Irrtümern, was die Verbrennung von hunderttausend Ketzern rechtfertigt.«

Abschließend machte er sich über die Anhänger der neuen Lehren lustig: »Was sind das für Lutheraner? Ein buntes Gewimmel von unverschämten Grammatikern, lüsternen Priestern, unordentlichen Mönchen, unwissenden Anwälten, entehrten Adligen und einem irregeführten und pervertierten Pöbel. Wie überlegen ist da doch die katholische Partei an Zahl, Intelligenz und Macht! Ein einstimmiges Dekret dieser glorreichen Versammlung wird den Einfachen die Augen öffnen, den Unvorsichtigen ihre Gefahr zeigen, die Unentschlossenen festigen und die Schwachen stärken.«

Mehrheit gegen Minderheit

Die Verfechter der Wahrheit wurden zu allen Zeiten mit denselben Waffen angegriffen. Die gleichen Argumente, die Luther zu hören bekam, führen heute unsere Gegner an: »Wer sind diese Sabbathalter? Sie sind ungebildet, wenige an der Zahl und aus der ärmeren Schicht. Doch sie behaupten, die Wahrheit zu haben und das auserwählte Volk Gottes zu sein. Sie sind unwissend und verblendet. Wie viel größer an Zahl und Einfluss sind unsere Konfessionen. Wie viele großartige und gelehrte Menschen gibt es in unseren Gemeinden? Wie viel mehr Macht ist auf unserer Seite.« Das sind die Argumente, die einen entscheidenden Einfluss auf die Welt haben. Aber sie sind heute nicht schlüssiger als in den Tagen des Reformators.

Die Reformation geht weiter

Die Reformation endete nicht, wie viele meinen, mit Luther. Sie wird bis ans Ende der Weltgeschichte fortgesetzt. Luther hatte ein großes Werk zu tun, indem er anderen das Licht weitergab, das Gott ihm geschenkt hatte; aber er hatte nicht alles Licht empfangen, das der Welt gegeben werden sollte. Von damals bis heute schien immer wieder neues Licht auf Gottes Wort, haben sich ständig neue Wahrheiten entfaltet. Gott ist Licht und er gibt auch seinen Anhängern immer Licht.

Wer nicht auf dem Weg voranschreitet, den Gottes Vorsehung weist, versucht, den Fortschritt derer zu stoppen, die alles tun, um im Licht zu wandeln. Die Kirchen dieser Generation geben sich heilig. Aber sie lassen sich doch von der Liebe zur Welt leiten. In Gesinnung und Gemeinschaft sind sie eins mit denen, die sündigen. Bewusst weichen sie von Gottes Gebot ab, anstatt sich von der Freundschaft und den Bräuchen der Welt zu trennen. Sie sind mit den Götzen verbunden, die sie gewählt haben; und weil ihnen vergänglicher Wohlstand und die Gunst einer sündigen Welt gewährt wird, halten sie sich für reich und brauchen nichts. Stolz, Luxus, Reichtum und Popularität sind ihre Schätze. In ihrer geistlichen Blindheit sehen sie darin einen Beweis der Liebe und Gunst Gottes. War die römische Kirche zu Luthers Zeiten stark getäuscht? Dann sind es die protestantischen Kirchen heute genauso. Sie wehren sich gegen neue Erkenntnis oder Kritik. Ihre Diener rufen: Frieden, Frieden, Frieden, und das gefällt. Es beruhigt die Leute. In ihrer selbstverschuldeten Blindheit glauben sie nur, was ihnen bequem ist. Aber in jedem Zeitalter wurde Gottes wahres Volk aus Erfahrung und dem inspirierten Wort klar, dass Wohlstand, Bildung und Ruhm kein Beweis für Gottes Gunst sind. Das Leben unseres Erlösers Jesus zeigt uns, dass die wahre Kirche auf Erden nicht die Gunst einer bösen Welt genießen kann.

Verkalkuliert

Die Rede des Gesandten dauerte drei Stunden, und seine ungestüme Beredsamkeit hinterließ einen tiefen Eindruck in der Versammlung. Kein Luther war anwesend, der mit klaren und überzeugenden Wahrheiten aus Gottes Wort den päpstlichen Meister hätte besiegen können. Kein Versuch wurde unternommen, den Reformator zu verteidigen. In der Versammlung erwachte der allgemeine Wunsch, die lutherische Ketzerei aus dem Reich auszurotten. Rom hatte die günstigste Gelegenheit genutzt, um ihre Sache zu rechtfertigen. Mit größter Sorgfalt waren ihre Argumente dargelegt worden. Der größte ihrer Redner hatte in dieser Fürstenversammlung gesprochen. Alles, was Rom sagen konnte, um sich zu rechtfertigen, war gesagt. Der Irrtum hatte seine stärksten Argumente präsentiert. Von nun an sollte der Gegensatz zwischen Wahrheit und Irrtum deutlicher zu erkennen sein, da beide im offenen Krieg das Feld für sich beanspruchen würden. Der scheinbare Sieg war nur ein erster Hinweis auf die Niederlage. Von diesem Tag an würde Rom nie mehr so sicher sein, wie es einst gewesen war.

Die Mehrheit der Versammlung war bereit, Luther den Forderungen des Papstes zu opfern; aber viele von ihnen sahen und beklagten die bestehende Verderbtheit in der Kirche und wünschten eine Beseitigung der Missstände, unter denen das deutsche Volk infolge der Extravaganzen und Lügen des Papstes zu leiden hatte. Der Gesandte hatte die päpstliche Herrschaft im für Rom günstigsten Licht dargestellt. Nun bewog der HERR ein Mitglied des Reichstags, die Auswirkungen der päpstlichen Tyrannei wahrheitsgemäß darzustellen. Mit edler Entschlossenheit trat Herzog Georg von Sachsen in dieser würdigen Versammlung auf und benannte mit schrecklicher Genauigkeit das Unrecht, die Täuschungen und Gräuel Roms und ihr entsetzliches Ergebnis. Er enthüllte die völlige Korruption ihres kirchlichen Systems und seiner Funktionsweise. Seine Rede schloss mit diesen Worten:

»Das sind nur wenige der Missstände, die von Rom Wiedergutmachung verlangen. Schamlos wird nur ein Ziel unaufhörlich verfolgt: Geld! immer mehr Geld! So dass gerade die Menschen, deren Aufgabe es ist, die Wahrheit zu verbreiten, nur noch Falschheit verbreiten; und doch werden sie nicht nur toleriert, sondern auch noch belohnt; denn je mehr sie lügen, desto größer sind ihre Gewinne. Dies ist die schmutzige Quelle, aus der so viele verdorbene Ströme in alle Richtungen fließen. Verschwendung und Gier gehen Hand in Hand. Die Beamten rufen Frauen unter verschiedenen Vorwänden in ihr Haus und suchen sie entweder durch Drohungen oder Geschenke zu verführen; und wenn der Versuch scheitert, ruinieren sie ihren Ruf. Was für ein Skandal, den der Klerus verursacht! Er stürzt so viele arme Seelen in die ewige Verdammnis. Eine gründliche Reform ist notwendig. Dazu bedarf es eines allgemeinen Konzils. Deshalb, liebe Fürsten und Herren, bitte ich euch höflichst, dieser Angelegenheit eure unmittelbare Aufmerksamkeit zu schenken.«

Der Untersuchungsausschuss

Geschickter und vollmächtiger hätte Luther selbst die Missstände in Rom nicht anprangern können. Dass der Vortragende ein Gegner Luthers war, machte seine Worte noch eindrucksvoller. Die Versammlung bildete ein Komitee mit dem Ziel, eine Liste der päpstlichen Missstände zu erstellen. Die Liste enthielt schließlich 101 Missstände. Der Bericht wurde dem Kaiser mit der ernsten Bitte vorgelegt, die einer so wichtigen Angelegenheit würdigen Schritte einzuleiten: »Was für ein Verlust an christlichen Seelen«, sagte das Komitee zum Kaiser, »welche Ungerechtigkeit, welche Erpressung sind die täglichen Früchte jener skandalösen Praktiken, die das geistliche Haupt der Christenheit absegnet! Der Untergang und die Schande unserer Nation ist abzuwenden. Wir bitten euch daher in aller Demut, aber sehr dringend, eine allgemeine Reform zu unterstützen, die Arbeit aufzunehmen und durchzuführen.«

Wenn der Versammlung die Augen geöffnet worden wären, hätten sie Engel Gottes gesehen, die Lichtstrahlen in die Dunkelheit des Irrtums warfen und Geist und Herzen für den Empfang heiliger Wahrheiten öffneten. Es war die Kraft des Gottes der Wahrheit und Weisheit, die auch die Gegner der Reformation lenkte und so den Weg für das große Werk bereitete. Martin Luther war zwar nicht anwesend gewesen; aber ein Größerer als Luther hatte seiner Stimme in dieser Versammlung Gehör verschafft.

Karl konnte den Aufruf des Reichstags nicht ignorieren, mit denen weder der Gesandte noch er selbst gerechnet hatten. Er zog das Edikt zur Verbrennung von Luthers Schriften sofort zurück und befahl, sie den Richtern auszuhändigen.

Luther soll nun doch vorgeladen werden

Die Versammlung forderte nun Luthers Erscheinen. »Es ist ungerecht«, drängten seine Freunde, »Luther zu verurteilen, ohne ihn gehört zu haben, und ohne sich selbst davon überzeugt zu haben, dass er der Autor der Bücher ist, die man verbrennen will.«

»Seine Lehre«, so sagten seine Gegner, »hat sich so schnell ausgebreitet, dass es unmöglich ist, ihrem Fortschritt Einhalt zu gebieten, es sei denn, wir hören ihn an. Es soll kein Streit mit ihm geben; falls er seine Schriften anerkennt und sich weigert, sie zurückzuziehen, werden wir alle einmütig, Kurfürsten, Fürsten und Staaten des Heiligen Reiches, in fester Bindung an den Glauben unserer Vorfahren, Eurer Majestät unsere rückhaltlose Hilfe gewähren und Eure Dekrete in vollem Umfang verwirklichen«.

Aleander erhebt Einspruch

Der Legat Aleander war sehr besorgt über diesen Vorschlag. Er wusste, dass Luthers Erscheinen vor dem Reichstag sehr zu fürchten war. Daher appellierte er an die Fürsten, die bekanntlich dem Papst gegenüber am günstigsten eingestellt waren: »Mit Luther wird es aslo keinen Streit geben? Aber wie können wir sicher sein, dass das Genie dieses kühnen Mannes, das Feuer, das aus seinen Augen blitzt, die Beredsamkeit seiner Rede, der geheimnisvolle Geist, der ihn belebt, nicht ausreichen wird, um Unruhe zu erzeugen? Es gibt bereits viele, die ihn als Heiligen verehren, und er ist überall mit einem Heiligenschein abgebildet.«

Jetzt kam diesem Agenten des großen Gegners ein satanischer Gedanke in den Sinn; so fügte er hinzu: »Wenn er denn vorgeladen werden muss, so hütet euch jedenfalls davor, ihm sicheres Geleit zuzusagen.« Aleander hoffte, dass die Anhänger Roms, sollte Luther in Worms erscheinen, sich seiner Person bemächtigen und diesen Kritiker für immer zum Schweigen bringen könnten, noch bevor er ein Wort in der Versammlung gesagt haben würde.

Die Unterdrückung der Wahrheit

Vom gleichen Geist waren schon die Priester und Pharisäer in ihrem Widerstand gegen Paulus angetrieben worden. Immer wenn der Apostel durch seine Worte die Wahrheit rechtfertigte und dadurch das Volk beeinflussen durfte, erlitt die Sache der jüdischen Führer Verluste. Deshalb versuchten sie mit der gleichen satanischen Spitzfindigkeit die Stimme des Paulus zum Schweigen zu bringen. Diese jüdischen Führer wussten, ebenso wie Aleander: Wenn das Volk die Wahrheit erfährt, wird sie einen so starken Kontrast zum Irrtum bilden, dass niemand ihn würde übersehen können.

Das gleiche Motiv führte die Juden dazu, Stephanus umzubringen. Es war die Wahrheit, die die Priester und Ältesten nicht bestreiten konnten, die diese bösen Richter zum Wahnsinn trieb und gegen diesen Mann Gottes derart aufwiegelte, dass sie ihn, obwohl sein Antlitz mit der Herrlichkeit des Himmels strahlte, aus dem Gerichtssaal zerrten und seine Beredsamkeit zum Schweigen brachten – nicht mit Argumenten des Gesetzes und der Propheten, sondern mit Steinen.

Signs of the Times, 9. August 1883


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