• Luther vor dem päpstlichen Legaten (Reformationsserie Teil 6): Kompromisslos

    Kompromisslos

    Fugger-Stadt Augsburg zur Zeit Martin Luthers - Adobe Stock - Hans Peter Denecke

    Furchtlos, unbeugsam, aber mit Hochachtung. Von Ellen White

Montag, 10 September 2018 – 08:25 Uhr

Luther vor dem päpstlichen Legaten (Reformationsserie Teil 6): Kompromisslos

Kompromisslos

Fugger-Stadt Augsburg zur Zeit Martin Luthers - Adobe Stock - Hans Peter Denecke

Furchtlos, unbeugsam, aber mit Hochachtung. Von Ellen White

Sobald er in Augsburg eintraf, informierte Luther den päpstlichen Legaten davon, dass er in der Stadt war. Der Legat hörte die Nachricht mit Freuden. Er war sich sicher, dass dieser lästige Ketzer, der die ganze Welt in Aufruhr versetzte, jetzt in seiner Gewalt war, und schwor sich, dass er aus Augsburg nicht wieder so hinauskommen würde, wie er hereingekommen war.

Der Diener des Legaten, ein italienischer, aalglatter Hofbeamter [namens Urban di Serra Longa], schmeichelte sich, es wäre ein Leichtes, den Reformatoren zurechtzubringen. Er gab sich ihm gegenüber daher als großer Freund aus und unterrichtete ihn gewichtig über die Etikette, um ihm Ehrfurcht vor dem großen Mann einzuflößen, vor dem er zu erscheinen habe. Er drängte Luther dazu, ihn sogleich zum Legaten zu begleiten; doch Luther sagte ruhig, er brauche zuerst freies Geleit.

Verärgert über seinen Misserfolg rief der geschäftstüchtige Italiener aus: »Und wenn alle Menschen Sie im Stich lassen, wo suchen Sie dann Zuflucht?« »Beim Himmel«, antwortete der Reformator und schaute ehrfürchtig nach oben.

Schon bald erhielt Luther sein freies Geleit und bereitete sich auf die Audienz beim Legaten vor. Als er davon erfuhr, war dieser Würdenträger [es handelte sich um den Kardinal Thomas Cajetan] verunsichert: Wie sollte er mit einem so energischen Mann verfahren? Deshalb beriet er sich mit seinen Freunden. Einer meinte, man solle ihn zum Widerruf bewegen; ein anderer, man solle ihn verhaften und einsperren; ein dritter riet dreist, es wäre besser, er würde beseitigt; während ein vierter empfahl, man solle versuchen, ihn durch Sanftheit zu gewinnen. Diese Empfehlung erschien die sicherste zu sein. So wollte er danach vorgehen.

Erste Anhörung

Beim ersten Gespräch mit dem Reformator war der Legat höflich und zurückhaltend. Er hoffte, dass Luther jeden Punkt ohne Diskussion oder Kritik aufgeben würde, und wartete still darauf, dass er anfing, seine Lehren zurückzunehmen.

Luther erklärte, dass er vor dem Legaten erschienen sei, weil der Papst ihn dazu aufgefordert habe und dies dem Wunsch des Kurfürsten von Sachsen entspreche. Er präsentierte sich ihm als demütiger und gehorsamer Sohn der heiligen christlichen Kirche. Dann kam er zum Punkt: »Ich gebe zu, dass ich die Thesen veröffentlicht habe, die hier zur Debatte stehen. Ich bin bereit, alle Anklagen gegen mich untertänigst anzuhören. Sollte ich mich tatsächlich im Irrtum befinden, möchte ich gerne in der Wahrheit unterrichtet werden.«

Der Legat lobte Luthers Demut und ließ ihn sofort wissen, was man von ihm erwartete: »Erstens müssen Sie wieder an Ihre Arbeit gehen, Ihre Fehler zugeben und Ihre Irrtümer, Ihre Thesen und Predigten widerrufen. Zweitens müssen Sie versprechen, Ihre Meinungen nicht länger zu veröffentlichen. Und drittens müssen Sie vorsichtiger sein und alles vermeiden, was die Kirche bekümmern oder stören könnte.«

Luther bat darum, die Bescheinigung des Kardinals sehen zu dürfen, die ihn berechtigte, diese Angelegenheit zu klären. Dies wurde ihm jedoch nicht gewährt. Man beharrte vielmehr darauf, er solle seine Irrtümer widerrufen. Dann würde der Kardinal den Rest schon mit der Kirche regeln.

Nun wollte Luther wissen, worin er denn irre. Mit verächtlicher Miene antwortete der Kardinal: »Vor allem zwei Ihrer Thesen müssen Sie widerrufen: Erstens, dass der Ablassschatz nicht aus den Verdiensten und Leiden unseres Herrn Jesus Christus bestehe. Zweitens, dass der Mensch, der das heilige Sakrament empfängt, Glauben an die ihm angebotene Gnade brauche.« Wäre dies nämlich allgemein angenommen worden, hätten diese Thesen dem römischen Handel den Garaus gemacht. Sie hätten die Tische der Geldwechsler umgestürzt und alle aus dem Tempel getrieben, die aus der rettenden Gnade eine Handelsware gemacht hatten.

Der Legat hatte versprochen, sich an die Aussagen der Schrift zu halten; aber dennoch berief er sich auf die Beschlüsse der Päpste zugunsten des Ablasses. Luther erklärte, dass ihm diese Beschlüsse bei so wichtigen Themen kein hinreichender Beweis seien, »denn sie verdrehen die Heilige Schrift und zitieren sie nicht als Untermauerung«. Der Legat konterte: »Der Papst hat Vollmacht über alles.« »Außer über die Schrift«, antworte Luther ernst. »Außer über die Schrift!«, wiederholte der Legat verächtlich und bekräftigte, dass der Papst über den Konzilien stehe und dass jeder, der seine Autorität infrage stelle, entsprechend entlohnt werde.

Über die zweite These, die besagte, dass Glaube nötig sei, um Gnade zu empfangen, sagte Luther, er müsste Jesus verleugnen, wenn er diesen Punkt aufgäbe: »Deshalb kann und will ich diesen Punkt nicht aufgeben, sondern mit Gottes Hilfe bis ans Ende an ihm festhalten.«

Der Legat erwiderte ärgerlich: »Ob Sie wollen oder nicht, Sie müssen noch heute diesen Punkt widerrufen. Andernfalls werde ich allein aufgrund dieses Punktes, alle Ihre Lehren ablehnen und verurteilen.«

Luther antwortete: »Ich schließe mich mit meinem Willen ganz dem Willen des HERRN an. Er wird mit mir tun, was in seinen Augen richtig ist. Hätte ich auch hundert Köpfe, ich würde sie lieber alle verlieren, als das zu widerrufen, was ich über den heiligen christlichen Glauben gesagt habe.«

»Ich bin nicht hergekommen, um mit Ihnen zu diskutieren«, antwortete der Prälat. »Widerrufen Sie oder bereiten Sie sich auf Ihre verdienten Konsequenzen vor!« Auf diese Weise endete die erste Anhörung.

Zweite Anhörung

Die zweite Zusammenkunft erfolgte tags darauf. An ihr nahmen viele hochrangige Personen teil. Luther verlas eine Erklärung vor der Versammlung, in der er seine Achtung vor der Kirche zum Ausdruck brachte, seine Liebe zur Wahrheit, seine Bereitschaft, alle Einwände gegen seine Lehre zu beantworten und seine Lehren verschiedenen führenden Universitäten zur Beurteilung vorzulegen. Gleichzeitig verwahrte er sich gegen die Aufforderung des Kardinals, ihn zum Widerruf zu bewegen, ohne ihm zuerst seinen Irrtum zu beweisen.

Die Antwort des Legaten war: »Widerrufen Sie, und zwar sofort!« Er überschüttete Luther unter einem nicht enden wollenden Wortschwall, sodass er nichts erwidern konnte. Der Reformator bat daher darum, seine Antwort auf die beiden Anklagen schriftlich verfassen zu dürfen, die sich mit den Themen Ablass und Glauben beschäftigten. Seiner Bitte wurde schließlich stattgegeben.

Dritte Anhörung

In einer dritten Anhörung präsentierte Luther seine Antwort, in der er aufzeigte, dass seine Position auf der Schrift beruhte. Nachdrücklich erklärte er, dass er die Wahrheit nicht aufgeben könne. Der Legat begegnete Luthers Erklärung mit Verachtung. Er schimpfte und wetterte ununterbrochen und ließ Luther wie bei der Anhörung zuvor nicht zu Wort kommen. Mit heftigen Behauptungen und wiederholten Hinweisen auf päpstliche Beschlüsse hielt er weiter an der Ablasslehre fest und rief Luther zum Widerruf auf.

Legat mit den eigenen Waffen geschlagen

Der Reformator erklärte schließlich, er würde widerrufen, falls der Grundsatz, auf dem die Ablasslehre beruhe, aus den päpstlichen Beschlüssen selbst bewiesen werden könne. Alle staunten über diesen Vorschlag. Die Freunde Luthers waren entsetzt und betroffen. Der Legat und seine Unterstützer konnten ihre Freude kaum verbergen. Doch ihr Jubel schlug schnell in Verwirrung um. Luther trat dem Kardinal auf seinem eigenen Boden gegenüber und schlug ihn vernichtend.

Als der taktierende Prälat erkannte, dass Luthers Argumente unwiderlegbar waren, schien er jede Beherrschung zu verlieren und schrie wütend: »Widerrufen Sie, oder ich werde Sie nach Rom schicken, wo sich die Richter ihres Falls annehmen werden. Ich werde Sie und alle ihre Parteimänner exkommunizieren. Alle, die Sie auch nur einmal unterstützen, werden von mir aus der Kirche geworfen. Ich habe vom Heiligen Apostolischen Stuhl die ganze Vollmacht dafür bekommen. Meinen Sie, Ihre Beschützer können mich aufhalten? Denken Sie, der Papst hat Angst vor Deutschland? Der kleine Finger des Papstes ist stärker als ganz Deutschland zusammen.«

»Würden Sie so freundlich sein«, erwiderte Luther, »und meine schriftliche Antwort von heute mit meinen demütigen Gebeten an Papst Leo X. weiterleiten?« In arrogantem und zornigem Tonfall erwiderte der Kardinal: »Widerrufen Sie oder Aufnimmerwiedersehen!«

Rückzug

Luther verbeugte sich und zog sich mit seinen Freunden zurück, während der Kardinal und seine Unterstützer sich verwirrt und verwundert anblickten. Denn mit diesem Ergebnis hatten sie nicht gerechnet. Der Kardinal und der Reformator sind sich nie wieder begegnet.

Ein aufschlussreiches Schauspiel

Luthers Bemühungen bei diesem Anlass blieben nicht ohne Frucht. Die große anwesende Versammlung hatte Gelegenheit gehabt, die beiden Männer zu vergleichen und sich selbst ein Bild von dem Geist zu machen, den sie atmeten, und von der Stärke und Wahrhaftigkeit ihrer Positionen. Was für ein Gegensatz! Der Reformator war schlicht, demütig und fest, stand in der Kraft Gottes auf und hatte die Wahrheit auf seiner Seite. Der Repräsentant des Papstes dagegen war selbstgefällig, herrisch, hochmütig und unzumutbar und konnte kein einziges Argument aus der Bibel bringen, rief aber voller Leidenschaft: »Widerrufen Sie, oder ich schicke Sie zur Strafvollstreckung nach Rom!« Dennoch war der Legat tief beeindruckt von den Anhörungen des Reformatoren. Er änderte später selbst seine Meinung und wandte sich von seinen Irrtümern ab.

Flucht

Luther blieb nur wenige Tage in Augsburg, nachdem seine letzte Anhörung beim Kardinal zu Ende gegangen war. Bevor er jedoch die Stadt verließ, schrieb er einen respektvollen Brief an den Legaten, in dem er erklärte, es mache für ihn keinen Sinn, seinen Aufenthalt auszudehnen, da ihm eine weitere Anhörung nicht gewährt würde, wenn er nicht widerrufe. »Deshalb breche ich nun wieder im Namen des HERRN auf, um einen Ort zu finden, wo ich in Frieden leben kann.« Er schloss, indem er bekräftigte, dass er kein Verbrechen begangen und daher auch nichts zu fürchten habe. Diesen Brief gab er seinen Freunden, die ihn nach seiner Abreise dem Legaten überbrachten.

Luther verließ dann Augsburg noch vor Tagesanbruch auf dem Pferderücken. Sein einziger Begleiter war ein Führer, den ihm der Stadtvogt zur Verfügung gestellt hatte. Mit dunklen Ahnungen machte er sich heimlich auf den Weg durch die finsteren und ausgestorbenen Straßen der Stadt. Wachsame und grausame Feinde planten seine Vernichtung. Würde er ihnen ins Netz gehen? Es waren Augenblicke der Angst und des ernsten Gebets. Er erreichte ein kleines Tor in der Stadtmauer. Es wurde ihm geöffnet, und er konnte ungehindert mit seinem Begleiter passieren. Als sie erst einmal draußen waren, fielen die Flüchtigen in Galopp. Bald hatten sie die Stadt weit hinter sich gelassen. Satan und seine Abgesandten waren besiegt. Der Mann, den sie schon in ihrer Macht gewähnt hatten, war wie ein Vogel dem Netz des Vogeljägers entkommen.

Signs of the Times, 12. Juli 1883


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