Montag, 19 Januar 2015 – 08:28 Uhr

Das Skandalbuch, Teil 4: Waren unsere Vorväter Extremisten?

Waren unsere Vorväter Extremisten?

Photo: Galushko Sergey - Shutterstock.com

Ralph Larson erzählt, wie er Lehrveränderungen und eine neue Theologie in der Adventgemeinde bemerkte.

In Teil 1Teil 2 und Teil 3 erzählte Ralph Larson in zum Teil deftiger Sprache, wie er Lehrveränderungen und eine neue Theologie in der Adventgemeinde bemerkte.

Während wir uns noch von dem Schock der Enthüllung in Teil 3 erholen, wenden wir unsere Aufmerksamkeit der Aprilausgabe des Jahres 1957 der Zeitschrift Ministry zu.

Meilenstein oder Wendepunkt?

In dieser Ausgabe finden wir ein Geleitwort, das einen neuen Meilenstein in der Geschichte unserer Gemeinschaft ankündigt, einen Wendepunkt. »Evangelische Brüder in Christo« (Calvinisten) hätten unsere Auffassung über die menschliche Natur Jesu akzeptiert und zugesagt, uns nicht länger als »Sekte« zu bezeichnen (Louise C. Leuser, »Adventism's New Milestone«, Ministry, April 1957, Seite 31-32).

In derselben Ausgabe befanden sich zwei Artikel über die Natur Jesu. Beide betonten stark, den geheimnisvollen Charakter der Fleischwerdung Jesu. Beide bestätigten fest die Göttlichkeit Jesu. Beide bestätigten ebenso fest Jesu Menschsein. Doch die klare adventistische Stimme war nicht mehr zu hören. Man verschwieg in beiden Artikeln, dass Jesus die gefallene Natur des Menschen angenommen hatte.

»Als der fleischgewordene Gott in die menschliche Geschichte eintrat und eins mit dem Menschengeschlecht wurde, besaß er nach unserer Erkenntnis die Sündlosigkeit der Natur, mit der Adam in Eden geschaffen worden war.« (Roy Allan Anderson, »God With Us«, Ministry, April 1957, Seite 34)

So war der neue Meilenstein der Adventgeschichte in Wirklichkeit nichts anderes als die direkte Ablehnung des klaren Zeugnisses, das hundert Jahre (von 1852 bis 1952) an die Gemeinde ergangen war, nämlich dass Jesus in der gefallenen Natur des Menschen auf diese Erde gekommen war. Dies bezeugt Ellen White in vierhundert veröffentlichen Aussagen und andere prominente Repräsentanten der Gemeinschaft bestätigen dies in achthundert veröffentlichten Aussagen.

Eine Randerscheinung von verrückten Extremisten

Diese Repräsentanten standen für die vorderste Reihe der Freikirchenleitung. Zu ihnen gehörten die Generalkonferenzpräsidenten White, Daniels, Spicer, Watson, McElhany und Branson. Zu ihnen gehörten sechs der sieben Chefredakteure des Review, die in jenen Jahren dienten und fünf der sechs Chefredakteure von Signs of the Times. Dazu gehörten eine ganze Galaxie von GK-Vizepräsidenten, Divisions-, Verbands- und Vereinigungsvorsteher, Hochschulrektoren, Bibellehrern, Missionspionieren. Doch laut Donald Barnhouse bezeichneten unsere vier selbsternannten Repräsentanten die hier genannten Personen verächtlich als »schlecht informierte Minderheit« unserer Kirchenglieder, ja als unsere »Extremisten« (wörtlich: lunatic fringe, Randerscheinung von Verrückten; siehe Donald Barnhouse, »Are Seventh-day Adventists Christians?«, Eternity, September 1956).

Was in aller Welt ging hier vor sich? Nichts anderes als ein Riesenbetrug!

Dieser Riesenbetrug würde gut abschneiden im Vergleich mit einigen der großen Täuschungen in der Kirchengeschichte wie zum Beispiel der konstantinischen Fälschung. Dieser Betrug würde als Trägerrakete verwendet werden, um das Buch Questions on Doctrine in die Umlaufbahn zu bringen. Diese Lenkrakete mit ihren 140 000 Exemplaren würde ihre Samen der Täuschung überall auf der Welt säen. Jene Samen sind inzwischen aufgegangen, herangewachsen, und sie bringen heute ihre böse Frucht in der kunterbunten Meinungsvielfalt innerhalb der weltweiten Freikirche.

Wie konnte das geschehen?

Wie wir gesehen haben, traf sich eine kleine Gruppe von fest entschlossenen Männern im Hauptquartier unserer weltweiten Gemeinde zu Gesprächen mit einigen calvinistischen Theologen. Erst vor kurzem wurden ihre Namen offiziell bekannt gegeben (Siehe George Knight, Hg. Questions on Doctrine: Annotated Edition, XIV). Daher wissen wir nun, dass zu dieser Gruppe Dr. LeRoy Edwin Froom, Pastor Roy Allen Anderson, Pastor Walter E. Read und Pastor T. E. Unruh gehörten. Einige Berichte nennen auch Dr. Edward Heppenstall. Die calvinistischen Theologen waren Dr. Walter Martin und Dr. Donald Grey Barnhouse.

Diese Theologen, so sagte man uns, hatten die unglaubliche Falschdarstellung akzeptiert, dass unsere Gemeinde, mal abgesehen von einer »schlecht informierten Minderheit«, unseren »Extremisten«, schon immer dieselben Lehren über die menschliche Natur Jesu geglaubt und gelehrt habe, wie sie die Calvinisten glaubten.

Der »Beweis«, den man Martin vorlegte, bestand aus Falschdarstellungen und Fälschungen, die wir in dieser Artikelserie schon genannt haben, ja aus einer methodologischen Ungeheuerlichkeit, einem historischen Betrug.

Eine doppelte Täuschung

Die »Gruppe« in unserem Hauptquartier hatte eine sehr schwierige Aufgabe. Sie musste eine doppelte Täuschung vorbereiten, um zwei verschiedene Leserkreise zufriedenstellen. Den Calvinisten mussten sie beweisen, dass wir unsere Lehren geändert hatten und den Adventisten mussten sie beweisen, dass wir unsere Lehren nicht geändert hatten. Das ist schon eine ganz schöne Herausforderung! Wie überzeugt man jemand davon, dass Ellen White, die vierhundertmal geschrieben hat, Jesus sei in der gefallenen Natur des Menschen auf die Erde gekommen, in Wirklichkeit genau das Gegenteil sagen wollte? Und wer würde das glauben? Niemand. Gar niemand. Außer demjenigen, der an der Verschwörung beteiligt war und nur so tat, als sei er ein Kritiker. Ich meine damit Dr. Walter Martin.

Anders lassen sich die eigentümlichen Übereinkünfte, die Widersprüchlichkeit und die krassen Verzerrungen und Falschdarstellungen, die in der Ankündigung des Buches Questions on Doctrine enthalten waren, nicht erklären. Das macht auch verständlich, warum auf dem ganzen Projekt ein solcher Mantel der Verschwiegenheit lag und warum die Namen der Autoren des Buches 45 Jahre lang nicht bekannt gegeben wurden.

Was für Menschen braucht die Welt?

Bevor wir einen Schritt weitergehen, schauen wir uns noch einmal an, was Ellen White auf Seite 57 ihres Buches Education sagt:

»Die Welt braucht am meisten Menschen – Menschen, die sich nicht kaufen noch verkaufen lassen; Menschen, die in ihrem Innersten wahrhaftig und ehrlich sind; Menschen, die keine Angst haben, die Sünde beim Namen zu nennen; Menschen, deren Gewissen der Pflicht so treu ist, wie die Nadel dem Pol; Menschen, die für das Recht einstehen, sollten selbst die Himmel einstürzen.« (Hervorhebung hinzugefügt)

Ernüchternde Analyse

Stellen wir uns den Fakten, ohne mit der Wimper zu zucken!

Erstens: Es ist absolut unmöglich, dass ein ausgebildeter Wissenschaftler mit Doktorgrad wie Dr. LeRoy Edwin Froom so viele verstümmelte und verdrehte Quellen veröffentlicht, ohne zu wissen, was er tut. Kein Doktor ist so begriffsstutzig. Diese »Darstellung« kann kein unglücklicher Zufall gewesen sein. Hier muss absichtliche und geplante Täuschung dahinter gesteckt haben.
Zweitens: Es ist absolut unmöglich, dass ein ausgebildeter Wissenschaftler mit Doktorgrad wie Dr. Walter Martin so vielen verstümmelten und verdrehten Quellen auf den Leim geht, ohne zu wissen, was er tut. Kein Doktor ist so unintelligent. Diese »Akzeptanz« kann kein unglücklicher Zufall gewesen sein. Hier muss absichtliche und geplante Täuschung dahinter gesteckt haben.

Ich sehe nur eine mögliche Schlussfolgerung: Mit Sicherheit wird bei der Öffnung der großen Schriftrolle am Ende der Tage, wenn »Erde und Himmel vor Gottes großem Gerichtsstuhl stehen« (Rudyard Kipling, »The Ballad of East and West«), von allen erkannt werden, dass Dr. LeRoy Edwin Froom und Dr. Walter Martin nur so taten, als wären sie Gegner. In Wirklichkeit arbeiteten sie zusammen, nur dass sie sich am Verhandlungstisch gegenüber saßen. Unter der Führung und Aufsicht des großen Drahtziehers Satan, gelang es ihnen die Gemeinde der Siebenten-Tags-Adventisten zu täuschen und sie zu schädigen.

Wie bereits gesagt, fand ich alle diese Informationen im Ellen-White-Archiv unseres theologischen Seminars auf den Philippinen. Sie sind immer noch dort zugänglich für jeden, der sich von den schockierenden Fakten überzeugen möchte. Natürlich ist dasselbe Material auch im Archiv des White Estates in Washington, D.C. vorhanden.

Forschungsergebnis: Das Wort wurde Fleisch

Ich fasste das Ergebnis meiner Forschung in einem 365-seitigem Buchmanuskript zusammen und bot es unseren beiden Verlagshäusern an: dem Review und Pacific Press. Beide lehnten es ab. Daher nahm ich eine Hypothek auf mein Haus auf und veröffentlichte 20 000 Exemplare im Eigenverlag (The Word Was Made Flesh: One Hundred Years of Seventh-day Adventist Christology 1852-1952, Cherrystone Press, 1986).

Tausende Exemplare wurden zu hochrangigen Gemeindebeamten geschickt und weitere Tausende zu treuen Gemeindegliedern, die meine Sorge teilten um den durch das Buch Questions On Doctrine verursachten Gemeindezustand.

Hochkarätige Bestätigung: Mitgelitten mit unseren Schwachheiten

Doch durch seltenes Glück oder Gottes Vorsehung geriet ein Exemplar in die Hände eines hochqualifizierten Schweizer Siebenten-Tags-Adventisten und Theologen namens Jean Zurcher. Er und seine beeindruckenden wissenschaftlichen Arbeiten genießen hohes Ansehen in der Gelehrtenwelt. Nachdem er mein Buch sorgfältig gelesen hatte, hielt er dies für einen guten Anfang, meinte aber, man solle das Thema weiter vertiefen. Daher machte er sich daran, die Aufgabe, die ich begonnen hatte, zu vollenden.

Das Ergebnis war sein 308-seitiges Buch, Touched With Our Feelings, veröffentlicht im Jahr 1999 durch (gut festhalten!) den Review and Herald Verlag. Das als Fortschritt zu bezeichnen, wäre Untertreibung. Auf der Seite mit den Urheberrechten wurde jedoch ein Disclaimer eingefügt: »Die Ansichten dieses Buches müssen nicht mit den Ansichten der Herausgeber übereinstimmen. Sie werden veröffentlicht, um ein weiteres Studium dieses Themas zu erleichtern. Der Autor übernimmt volle Verantwortung für die Richtigkeit aller Fakten und Zitate in diesem Buch.«

Bei meiner Forschungsarbeit auf den Philippinen hatte ich nicht alles Material zur Verfügung. Dort waren vor allem die veröffentlichten Bücher und Zeitungsartikel von Ellen White archiviert. Aber ich hatte keinen Zugang zu all den Büchern und Artikeln im Hauptquartier unserer Gemeinschaft in Washington, D.C. Diese standen jedoch Dr. Zurcher zur Verfügung und er machte großzügigen Gebrauch davon. So konnte er ziemlich viel zu dem von mir veröffentlichten Beweismaterial hinzufügen und bestätigte dadurch meine Ergebnisse.

Zurcher untersuchte auch die Aussagen in unseren europäischen Zeitschriften und konnte keine Abweichung feststellen. Tatsächlich fand er nicht einmal ein Anzeichen dafür, dass Siebenten-Tags-Adventisten irgendwo auf der Welt vor 1950 über die Natur Jesu unterschiedlicher Ansicht gewesen wären. Er spricht von »bemerkenswerter Einigkeit«, wenn er die Lehre unserer Gemeinde zu diesem Thema vor 1950 beschreibt (Seite 146).

Wendung in der protestantischen Welt

Interessant ist auch sein Hinweis, dass einige der angesehensten protestantischen Theologen in der heutigen Zeit, inzwischen dieselbe Auffassung über die menschliche Natur Jesu vertreten, wie unsere Gemeinde sie vertrat. Zu diesen Theologen zählen: Karl Barth, Emil Brunner, Rudolf Bultmann, Oscar Cullmann und J. A. T. Robinson. Sind diese Personen auch Extremisten oder eine Randerscheinung von Verrückten?

 

Das Skandalbuch, Teil 5: Schockierender Überblick lesen Sie hier.

 

Aus: Our Firm Foundation, vol. 19 no. 5, May 2004

PDF (ab Seite 12):
http://www.andrews.edu/library/car/cardigital/Periodicals/Our_Firm_Foundation/2004/2004_05.pdf

HTML: www.closureforjesus.com/?p=959


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Das Skandalbuch, Teil 2: Das Schlachtfeld
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